@ Maria Werner.
Ich habe diese Texstelle nicht als Religionskritik gemeint, zumal es in den frühen Zeiten des Christentums Gläubige gegeben hat, die diesen Text als wörtlichen Auftrag genommen haben. Bekanntester Vertreter: Origenes. Für mich geht es allenfalls darum, die Auslegung zu kritisieren und aufzuzeigen, dass eine Gesellschaft mit allen Religionen Schwierigkeiten haben kann, selbst mit der christlichen, die z.Zt. vielen doch recht harmlos erscheinen mag. Mein eigentliches Augenmerk aber geht darauf: Wenn einer Kirche oder Religionsgemeinschaft Sonderrechte eingeräumt werden, und die Beschneidung aus diesen Gründen zuzulassen wäre in meinen Augen eines, dann ist das auch der erste Finger (und nicht einmal ein kleiner), der diesen gereicht und nachher als ganze Hand genommen werden kann. Schon redet ein Juraprofessor in Münster ("Exzellenzcluster") davon, das die Begründung einer religiösen Parallelustiz nicht abzuweisen sei. Na hallo! - oder Narhalla?
Ich habe keine belastete Beziehung zum Judentum, wohl aber die Mitverantwortung, Entwicklungen, die in solche Richtung laufen, zu bekämpfen. Dies aber unabhängig davon, ob die Betreffenden nun Opfer waren, oder vielleicht auch Täter werden (nicht im Sinn von Verfolgung und Vernichtung, wohl aber von Ausgrenzung). Ich möchte nicht, dass über irgendwelche großen oder kleinen Umwege die Trennung von Kirche und Staat aufgehoben wird.
Religionsführer müssen lernen ihre Auslegungen im Kontext mit der Ist-Zeit vorzunehmen. So hat ja auch die Rabbinerkonferenz 1950 allen Juden die Polygamie verboten, die bis dahin quasi erlaubt und von vielen sefardischen Juden noch praktiziert wurde. Im Islam hingegen geht das Bestreben anscheinend genau in die andere Richtung, wie ich gerade erst heute in einem Phönix Interview mit dem Berliner Bezirksbürgermeister Buschkowsky (Neuköln) gehört habe.
Die Predigt oben sehe ich nicht ganz so positiv, ich würde statt "wow" eher "wie" sagen, denn die "Beschneidung des Herzens" und die entsprechenden Paulusworte gehören mit zu dem was der Islam den Christen und auch den Juden vorwirft: Dass sie zwar (als Völker des Buches) die Lehre bekommen hätten, aber falsch interpretiert, verwässert, und vom Weg abgekommen. Moses und Christus werden im Koran als "Propheten" bezeichnet und mit größtem Respekt behandelt, der Umgang mit den Juden und Christen wird aber anders eingestilt.
Ein Wort zum Schluss: Hans Küng hat viel Mühe in sein "Projekt Weltethos" gesteckt. Zentrale Thesen dabei: Kein Überleben (der Menschheit) ohhne Weltethos. Kein Weltfriede ohne Religionsfriede. Kein Religionsfriede ohne Religionsdialog. Zu diesem Weltethos aber gehört meiner Meinung nach auch die ethische Beurteilung der Beschneidung. Die wiederum führt auf den ethischen Umgang mit unmündigen, nicht einsichtsfähigen Kindern. Das Anbieten der christlichen Lösung: Beschneidung des Herzens an Stelle der Vorhaut trägt da nicht weit genug. Ähnlich ist es mit der "Zwangseingliederung" in die Religion. Auch hier spielt die Taufe eine ganz andere Rolle als die Beschneidung, von der Loslösung von ihr ganz zu schweigen. Und auch hier gilt: Religionen können zulernen. In diesem Fall die katholische. Noch Augustinus meinte, dass ungetaufte Kinder - falls sie sterben - auf direktem Weg in die Hölle fahren. Die dadurch ausgelösten Traumata der Eltern mag ich mir gar nicht ausmalen. - Heute ist das keine Lehrmeinung mehr.
Ich finde, statt das die christlichen Kirchen der jüdisch-islamischen Auffassung beispringen, sollten sie lieber betonen oder herausarbeiten, dass auch sie sich angepasst haben und teilweise anpassen mußten, teils unter Druck von außen, teils unter Druck von innen. - Und das ihnen dies, unterm Strich, gut getan hat.
Wie sagte Wolf Biermann mal: "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu".
werner p: Falls ich sie brauche, hast du noch Asche übrig? 