Beiträge von susanna

    Vielen Dank für deinen ausführlichen Erfahrungsbericht, fsx100!

    So läuft es leider auch heute noch viel zu häufig: Der physiologische Normalzustand wird pathologisiert, die Eltern sind wohlwollend und besorgt - und die Vorhaut futsch. (Hätte zugegebenerweise meinen Söhnen auch passieren können, mit mir als Mutter, die die Balanitiden ihres Bruders aus Kindertagen in nicht so guter Erinnerung hat und mit meinem Mann, der selbst aus religiösen Gründen seit seinem Säuglingsalter beschnitten ist - wir hatten einfach Glück mit unserer Kinderärztin)

    Und dann noch der Urologe, der die sensorischen und funktionellen Veränderungen leugnet.

    Ich hoffe aber, dass Du einen anderen Weg findest mit den Folgen umzugehen als die chemische Kastration.
    Es gibt einige Möglichkeiten, einen Teil der Sensibilität zurückzugewinnen (dazu können Dir die Jungs hier mehr erzählen). Und man kann einen Partner finden der bereit ist, auf die unfreiwillig erworbenen Eigenheiten einzugehen.

    Das ist das gleiche Prinzip wie bei der Verteilung von Moskitonetzen und der möglichst kompletten Grundimmunisierung von Kleinkindern, die auch schon vielerorts durch die gekoppelte Verteilung von Lebensmitteln erfolgreich forciert wurde: Die langfristigen, aber für die Betroffenen nicht akut spürbaren Vorteile der Gesundheitsvorsorge werden mit einem unmittelbaren Vorteil verknüpft.
    Was in diesen Fällen ja auch Sinn macht, schließlich gehen die Leute dort mit einem Mehr nach Hause ...

    Zitat

    Bondo and Sowei's have a right to their cultural belief. Let us place
    our immediate preconceptions and judgments aside. In this complexity,
    the solutions will more than often have to be community led, allowing
    space and flexibility to re-examine a cultural belief far more ingrained
    and entrenched in the psyches of these women than most of us will ever
    truly be able to understand, and at times even respect.

    Bis zu diesem letzten Absatz ein einfühlsamer Einblick in die psychosoziale Dynamik von FGC, wie sie auch schon in zahlreichen anderen Erfahrungsberichten (auch direkt) betroffener Frauen sichtbar wird.

    Aber zum Schluss die altbekannte (Un)Logik: Dieses Ritual ist so etwas Komplexes und Geheimnisvolles, dass sich ein "Außenstehender" ein Urteil und eine Bewertung darüber zu verbitten hat, mögliche Veränderungen bitte nur von "innen". Wer zu diesem Ritual eine klar ablehnende Haltung einnimmt, hat eben einen ganz niedrigen psychokulturellen Horizont.

    Viele uns nur zu gut Bekannte würden jetzt sagen:

    Der arme Mann. Da sieht man doch, wohin das führt, wenn sich nicht die Eltern mit einem klitzekleinen Schnitt rechtzeitig um die Ästhetik und Hygiene im Genitalbereich kümmern!

    Zitat
    • Man kann nie und nimmer das Gewebe
      zu 100% entfernen. Irgendwas bleibt immer übrig und somit ist das
      Brustkrebsrisiko immer noch da.

    Stimmt. Aber jetzt liegt ihr Risiko bei nur noch 5% statt bei über 80%. Ihre Entscheidung ist also durchaus nachvollziehbar.
    Die "Vorsorge" kann das Risiko um keine einzigen Prozentpunkt senken. Sie hilft nur, den Krebs etwas früher zu erkennen, was in manchen Fällen zu einer besseren Heilungschance, in anderen Fällen schlichtweg nur zu einem längeren Wissen um die Krebserkrankung führt.

    In diesem Beitrag wird die moralische Reinheit, die mit der Mädchenbeschneidung erreicht werden soll, hervorgehoben.

    Aber oft gibt es tatsächlich Vorstellungen von verbesserter Hygiene, die sich vollständig mit denen bei der Jungenbeschneidung decken: Durch die "Entfernung" einiger Genitalfalten soll alles nicht mehr so riechen und viel leichter sauber zu halten sein.
    Mit der extremsten Form, der Infibulation, wird nicht selten ein konkreter Schutz der inneren Reprodukionsorgane vor Infektionen verbunden.

    Auf die neue Infobroschüre des bvkj wird jetzt im aktuellen Deutschen Ärzteblatt hingewiesen:

    "Warum es nicht darauf ankommt, wie groß und dick ein Penis ist, warum die Vorhaut kein überflüsiger Körperteil ist, wie man sie bewahrt und wie man Krankheiten vorbeugt - das erklärt die Broschüre "Mann oh Mann :( - Das geht unter die Gürtellinie", die der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj) entwickelt hat.
    Eltern und Söhne finden hier Antworten auf Fragen zur Penisgesundheit. Sachlich, übersichtlich und in einfacher Sprache werden Aufbau und Funktion des wichtigen Körperteils erklärt; zugleich wird die Diskussion um die Beschneidung auf eine wissenschaftlich fundierte Ebene gestellt. Eltern und Söhne können dem bvkj zufolge nach der Lektüre gut aufgeklärt entscheiden, ob sie einen "medizinisch nicht gerechtfertigten und im wahrsten Sinne des Wortes einschneidenden Eingriff" befürworten.
    Die kostenfreie Broschüre steht zum Herunterladen auf der Website http://www.kinderaerzte-im-Netz.de zur Verfügung. Institutionen können die Broschüre per E-Mail unter [email protected] bestellen (Schutzgebühr: 25 Stück 14 Euro, 50 Stück 26 Euro, 100 Stück 48 Euro)"

    Es gibt nicht wenige Berichte von Frauen, die davon schwärmen, wie ästhetisch und sexuell vorteilhaft es ist, keine Klitorisvorhaut und innere Schamlippen mehr zu haben nach einer Labioplastik.
    Ich habe keine Zweifel daran, dass es für diese Damen super so ist.
    Aber mir würde da definitiv was fehlen. Menschen sind eben unterschiedlich.

    Wir hier möchten, dass Jungs ebenso wie Mädchen vor medizinisch
    unnötigen reduktiven Genitaloperativen geschützt und so in die Lage
    versetzt werden, als Erwachsene selbst über ihre intimsten Körperteile
    zu entscheiden - genau so, wie du das ja auch erfahren konntest!

    Ich wünsche dir ehrlich, dass du auch in vielen Jahren (mit zunehmenden Lebensalter nimmt die Sensibilität naturgegeben etwas ab) mit der angedeuteten veränderten Sensorik ("Die Eichel wird zwar im Zuge der Umgewöhnung in der Tat etwas tauber...") und Optik noch ebenso glücklich bist wie heute. Aber mache dir klar, dass es für andere ganz anders ist und manche (unfreiwillig oder freiwillig) beschnittene Männer mit ganz realen, durch den Vorhautverlust bedingten Einschränkungen leben müssen.

    Ein einfühlsamer Beitrag über die kulturelle Funktion und Aufrechterhaltung von FGC ganz aus der Perspektive der Betroffenen.
    Weitere Parallelen, die noch zu ergänzen wären: Die Pathologisierung des intakten Genitals: "Du hast da Wucherungen zwischen den Beinen, die müssen entfernt werden." Und die gesundheitlichen Aspekte: "Wir verschließen das, damit keine Krankheiten eindringen können und du gesund bleibst."

    Verweigerung des begrüßenden Händedrucks gegenüber einer Frau - das reduziert die Person auf ihre sexuellen Aspekte, letztendlich ebenso wie Pokneifen und Busengrabschen, und das hat auch nach meiner Meinung im öffentlichen Raum nichts zu suchen.
    Unsere freiheitliche Demokratie lebt auch davon, dass es viele Bereiche und Arten des Zusammenseins - und -arbeitens gibt, in denen sich beide Geschlechter ohne Übergriffe und ohne sozialen Ausschluss bewegen können, in denen sie zuallererst einmal individuelle Menschen sind.