Ich muss zugeben, dass ich am Anfang der Diskussion die Möglichkeit einer dauerhaften Traumatisierung durch eine Neugeborenenbeschneidung und darauf zurückführbare PTBS im Erwachsenenalter für - nun ja - etwas überspannt gehalten habe.
Eine palästinensische Freundin hatte ihren Sohn in den USA zur Welt gebracht (damit wenigstens das Kind Papiere und eine Staatsbürgerschaft hat) und dort auf Drängen ihres Mannes die Vorhaut abschneiden lassen. Inzwischen ist der Kleine 6 Monate alt und ein liebevoll umsorgter, meist gut aufgelegter, fröhlicher Wonneproppen.
Außer man macht die Windel auf. Dann steht in seinen großen Augen plötzlich das blanke Entsetzen. Manchmal weint er kurz, manchmal ist er dabei ganz still. Dieser Zustand der äußersten Panik dauert nur ein paar Momente, vielleicht maximal 30 Sekunden, dann kehrt das Vertrauen in seinen Blick zurück und er entspannt sich wieder. Die Situation ist sehr grotesk, das Baby liegt safe and sound mit seinem Spielzeug in der Hand auf dem Wickeltisch und guckt dabei so, als befände es sich im freien Fall hinunter von einer Klippe.
Dieser Junge wird nie eine bewusste Erinnerung an seine Beschneidung haben.
Trotzdem ist diese schmerzvolle Erfahrung ein Teil seiner Person und sein Urvertrauen scheint eine brüchige Stelle zu haben, wie auch immer sich das in seinem späteren Leben auswirken wird.
Negative Folgen für die Psyche des Erwachsenen sind vielleicht nicht zwingend, aber nach meiner Ansicht (nach dieser Erfahrung) auf jeden Fall möglich.