Beiträge von susanna

    "So berichtet Dr. Athar Zubair, Allgemeinmediziner und Vertreter der muslimischen Gemeinde, von einem Jungen, der sich als Jugendlicher nachträglich beschneiden ließ, um in der islamischen Gemeinde als vollwertiges Mitglied zu gelten. Darüber, dass die Beschneidung aus medizinischen Gründen möglichst im frühen Alter vollzogen werden sollte, sind sich die Mediziner einig."

    Was ist denn daran so schlimm, dass der Jugendliche (das genaue Alter wäre natürlich interessant) die Gelegenheit hatte, sich selbst für den Eingriff zu entscheiden? Ist er vielleicht durch die intakten Kinderjahre irgendwie traumatisiert worden?
    Da blitzt wieder die Sorge durch: Würden sich alle erst im Jugendalter dafür entscheiden können, gebe es vielleicht doch zu viele, die lieber intakt blieben...
    Den letzten Satz kann ich auch nicht nachvollziehen.
    Natürlich verläuft die Wundheilung schneller beim Kind, aber dass wird doch mindestens kompensiert durch die größere Kompetenz, sich auf die Schmerzen einzustellen.

    Der erste Kommentar zeigt doch, dass es 2006 durchaus Allgemeingut war, dass nach einer VA die Sensibilität reduziert ist und sich das auch ungünstig auf die Sexualität auswirken kann.

    Zu wie viel Prozent die Beschneidung zum geschilderten massiven Problem beiträgt, kann man nicht benau bestimmen bei jemandem, der seine Vorhaut bereits seit der Kindheit nicht mehr hat, schließlich ist unser Leben ein Experiment, das wir nicht wiederholen können.

    Der Fehler der folgenden Kommentatoren liegt darin, dass sie die VA als Ursache komplett ausschließen, nur weil sie selbst beschnitten sind und diese Probleme nicht haben.

    Das erschütternde an dem Artikel ist mal wieder die völlig verkürzte und beschönigende Darstellung der VA, das Abreißen der Vorhaut von der Eichel und die Zerstörung des Frenulums fallen einfach unter den Tisch.
    Es erinnert mich an eine Szene in einer amerikanischen Arztserie vor 13 Jahren, in der eine Ärztin sich bei der VA an einem Säugling fröhlich mit einem Kollegen unterhält ("Ich mache ihn jetzt hübsch"), der Säugling ist nicht fixiert und quengelt auch nur leise ein wenig. Mit der aktuellen filmischen Darstellung kenne ich mich nicht aus, weil ich schon seit vielen Jahren nur noch selten fernsehe.

    Der Leserartikel ist bemerkenswert und ich meine mich nicht an kleine Kinder erinnern zu können in den Videos von Brit Milah. Ich werde sie mir aber nicht noch einmal anschauen um mich vergewissern zu können. So etwas "verstehen" Kinder eben noch nicht!

    So ein Vorschlag sollte attraktiv für die Kassen sein, schließlich gibt es immer wieder Initiativen, unnötige Behandlungen zum Wohle aller zu erschweren! Und die Kinderärzte würden das sofort unterstützen.

    Ich kann mir vorstellen, dass die skandinavischen Länder durch ähnliche Mechanismen, auch der Priorisierung, ihre vergleichsweise ultraniedrigen Beschneidungsraten bei ihren Jungen erreichen. Die typisch skandinavische, manchmal auch sehr kuriose Blüten treibende Hände-weg-Pädagogik gegenüber Kindern tut dann noch ihr übriges.

    Ich finde, einer sofortigen Ökumene steht jetzt nichts mehr im Wege.

    In der Beschneidungsdebatte haben Repräsentanten der EKD Talent und Willen zu religiöser Verbrämung, Machtmissbrauch, Verdrehung von Tatsachen und am schlimmsten: Verweigerung des Mitgefühls mit den Schwächsten in einem Ausmaß offenbart, dass sie mit Vertretern der anderen Konfession locker mithalten können.

    Da passt kein Blatt mehr zwischen.

    "Wurde in der Debatte nicht mal ein Rabbiner zitiert, man würde den Jungen nicht zwischen die Beine schauen"

    So habe ich das auch in Erinnerung.
    Und in einer anderen Diskussion, in der Herr Graumann die Nachteile eines intakten jüdischen Jungen darlegte, endete seine Aufzählung auch mit einer Formulierung so in die Richtung "aber wie das dann der einzelne Rabbi handhabt ..."

    Dieser nach außen so unnachgiebig demonstrierte Fundamentalismus hat mit den religiösen Gefühlen und der gelebten Praxis der gläubigen Menschen (glücklicherweise) meist sehr wenig zu tun.

    Herr Putzke führt aus, was jedem klar denkenden und fühlenden Menschen bei der Beschneidungsdebatte so durch Kopf und Herz gegangen ist.

    Für mich hat das Gesetz samt Entstehungsprozess immer noch etwas geradezu Albtraumhaft-Unwirkliches. Ich frage mich manchmal, ob es da irgend einen Deal zwischen Merkel, Graumann und Co im Hintergrund gibt, von dem wir nichts wissen, so nach dem Motto: Wir legalisieren alles und auch Knobloch darf hier auf ihre alten Tage noch einmal ins Scheinwerferlicht, aber in spätestens zwei Jahren graben wir die bereits vorhandenen eindeutigen Studien aus und sämtliche jüdische Gemeinden Deutschlands erklären einmütig den "selbstgesteuerten" großen Schritt in eine fortschrittliche Glaubenspraxis mit Brit Shalom.

    Der Ausruf: Hört auf die Kinder! greift für so einen Eingriff viel zu kurz. Kinder haben nicht den Weitblick und die Perspektive, die Folgen einer VA auch nur annähernd erfassen zu können, sie sind keine kleinen Erwachsene. So gut wie jeder Junge wird die Beschneidung wählen, weil Abhängigkeit und das Bedürfniss nach Zugehörigkeit übermächtig sind, zumal, wenn er von den Eltern und Verwandten immerzu hört, dass er da unten sonst stinkt, Papa auch so aussieht, er erst dann ein richtiger Mann werden kann.

    Aus den gleichen Gründen wünschen auch die meisten afrikanische Mädchen die FGM, die Rebellion richtet sich nur gegen das unmittelbare Schmerzerlebnis. Ich habe einmal einen Bericht über einen Afar-Vater gelesen, der sich geweigert hatte, seine Tochter beschneiden (infibulieren) zu lassen, nachdem seine Frau qualvoll bei einer Geburt gestorben war. Die 11-jährige Tochter war stinksauer und lag ihm mit ihrem Wunsch nach dem Ritual ständig in den Ohren, damit sie endlich rein und wie ihre Freundinnen eine richtige Frau werden könne.

    "Wahrscheinlich auch in den Beschneidungstypen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Chirurg eine Infibulation praktiziert."

    So etwas existiert leider doch. Es gibt Betroffenenromane von afrikanischen Frauen, in denen genau das beschrieben wird: Vollsständige Amputation der Vulva mit anschließender Vernähung durch einen Arzt, "sauber und schmerzlos!" In Ägypten und Teilen des ehemaligen Sudans sind sämtliche Formen der FGM z. T. komplett medikalisiert. Eine Zeit lang waren im Web Fotos mit den besonders sauberen und ästhetischen Infibulationsnarben durch Ärzte zu "bewundern". Die wurden allerdings schon lange herausgenommen.
    Schwer vorstellbar, wie jemand das mit seinem Gewissen vereinbahren kann. Neben den finanziellen Interessen mag der Gedanke " Wenn ich es nicht mache, wirds irgendwo anders unsteril und mit eventuell noch größeren Gewebeverlusten gemacht" eine große Rolle spielen (das kenne wir doch irgendwoher...).

    @ picard 72
    Ich denke, die meisten Gegner der Kinderzwangsbeschneidung hatten nicht die Brechstange mit einer sofortigen strafrechtlichen Verfolgung im Sinn, sondern ein mehrjähriges Moratorium, um eine umfassend imformierte rechtliche Lösung ausarbeiten zu können.
    In Schweden ist die jüdische Zwangsbeschneidung an Säuglingen unter effektiver Schmerzbekämpfung (leider noch) erlaubt, allerdings wird das Ritual von offizieller, auch politischer Seite aus systematisch entmutigt und in vielen Distrikten verweigern die Kliniken aus ethischen Gründen die Durchführung, was dazu beigetragen hat, dass über die Hälfte der Jungs in jüdischen Elternhäusern intakt aufwachsen. Das Ganze eingebettet in ein gesellschaftliches Klima, dass die Bedürfnisse und Rechte von Kindern sehr ernst nimmt. Letztlich kommt bei dieser Art der Legalisierung auch nur eine Duldung heraus, allen ist klar, wohin die Reise gehen soll - und unter diesen Bedingungen wird es nicht noch Generationen dauern, bis sich das Ritual erübrigt hat!

    Deutschland hat dagegen praktisch jede Form der religiös oder sonstwie motivierten Zwangsbeschneidung erlaubt und, mindestens ebenso enttäuschend, von offizieller Seite aus (z. B. BZgA) ist von geplanten Aufklärungskampagnen oder wissenschaftlicher Begleitung nichts zu hören - das Bewustsein für die Tragweite dieser Operation ist nicht nur kaum vorhanden, sondern von politischer Seite aus ausdrücklich nicht erwünscht! Letzteres macht das Gesetzgebungsverfahren samt Ergebnis noch einmal um ein Vielfaches abstoßender.

    Wäre es vielleicht jetzt kurz nach dem Inkrafttreten ein wichtiges Signal, Entschuldigungsschreiben an die skandinavischen Regierungen, die bei dem Thema ohnehin bereits stärker sensibilisiert sind, zu richten?

    Sich nicht so sehr auf die ideologisch verhärteten Funktionäre zu konzentrieren und zu beziehen ist ein guter Rat. Deren Art der Argumentationsführung färbt sonst noch zu sehr ab, das will ja wirklich keiner.
    Bei einer Veröffentlichung der Erfahrungsberichte in einem geeigneten Rahmen (wie in einem meiner früheren Beiträge beschrieben) würde ich in einer gemischten Autorengruppe gerne mitwirken.

    Schade, dass die Kommentarseite schon wieder geschlossen ist.

    Aber das hängt wohl auch mit unserer Gottlosigkeit zusammen: Statt brav die Kirchenbänke zu füllen, können es viele einfach nicht lassen, sich gegen die Entrechtung der Schwächsten zu äußern.