Es gibt natürlich die Theorie, dass alle Rituale und Tabus ursprünglich einen konkreten materiellen Zweck hatten. Bei der Beweisführung für diese Theorie befindet man sich aber tatsächlich auf sehr seifigem Grund. Z.B. ist die im 19. Jahrhundert aufgekommene Trichinen- Übertragungstheorie für das Tabu des Schweinefleischverzehrs längst widerlegt. Die Spekulation über den "geheimen" bevölkerungspolitischen Sinn der Beschneidung müsste sich ja die Frage stellen, warum andere, sich in ähnlicher Lage befindlicher Gesellschaften, nicht beschnitten und trotzdem erfolgreich überlebt haben bzw. wo der soziale "Selektionsvorteil" des Judentums zu Tage tritt. Das sehe ich nicht.
Ich möchte auch noch einmal auf meine Bedenken zu den (faktenlosen) Spekulationen über "das Judentum" in unserem Zusammenhang hinweisen. Es muss ja nicht gleich zur Schlagzeile "Beschneidung ist Fitnesstest zur selektiven Stärkung des Judentums" kommen, aber die schon die Verwendung des Begriffs "Selektion" ist in diesem Zusammenhang bedenklich. Man muss nicht, aber man könnte darin eine Täter-Opfer-Umkehrung sehen.