Beiträge von werner

    Wieder eine Super-Studie von Robert van Howe, indem er sich übrigens auch mit der "Kritik" von Morris und Waskett an seinen früheren Studien auseinandersetzt.

    Was an van Howes Studien so vorbildlich ist, ist der Umstand, dass er, obwohl seit Jahren bekennender und aktiver Beschneidungskritiker, bei seinen Studien immer Objektivität bewahrt und auch selbstkritisch ist, und die von ihm analysierten Studien nicht bloss selektiv auswählt, um den eigenen Standpunkt zu untermauern. Daran sollten sich andere ein Beispiel nehmen.

    Die Verstümmelten masturbieren 1,76 mal häufiger als die Intakten.
    Ist doch auch einleuchtend. Halber Spaß, doppelte Frequenz! :)

    Laumann selbst führt die höhere Masturbationsfrequenz allerdings nicht auf das Fehlen der Vorhaut, sondern auf kulturelle Faktoren zurück.

    Zitat

    "While we do not wish to push speculation too far, differences in the association between circumcision status and sexual practice across ethnic groups suggest that cultural, rather than physiological forces may be responsible. In particular, the presented results may reflect attitudes regarding the cultural acceptability of the uncircumcised penis. Note that the association of circumcision with experience of sexual practices is weakest among ethnic minorities for whom circumcision is less prevalent. Among whites by contrast, uncircumcised men are relatively uncommon. A consequence of this may be that a certain stigma is attached to the uncircumcised penis by the white population. If the uncircumcised penis assumes a somewhat negative cultural association among whites, this may lead uncircumcised men to engage in a somewhat less elaborated set of sexual practices."


    Ausserdem ist diese Studie nicht nach Heiratsstatus randomiziert, was bei der Frage der Masturbation nicht ganz unwichtig erscheint.

    Zitat

    "One very interesting omission in all of this discussion is the omission of masturbation from any discussion of pleasure in the media, official medical statements, and the above mentioned study in Africa. We hear, instead, only about sexuality with two people involved. This omission is important to note, as the roots of male circumcision are found in a response to the dangers of masturbation which became the focus of intense medical concern in the 19th century. Is it possible that we, in this omission, are still following the lead of Victorian thoughts of sexuality, despite our belief that we no longer find harmless, solitary forms of sexual pleasure immoral?"

    Zitat

    "We may find today that this omission of masturbation from discussions of pleasure facilitates the idea that there is no sexual loss from circumcision. This goes quite well with Victorian standards of appropriate sexual pleasure! Supposedly, masturbatory pleasure should also have been liberated in a rejection of Victorian morality, and yet, this is not the case when society goes about accounting the effects of circumcision on sexual pleasure."

    http://via.library.depaul.edu/cgi/viewconten…089&context=etd


    Auch sonst ein sehr intelligenter Aufsatz.

    Hier der Originalartikel, auf den sich die Zeitungsmeldung bezieht.

    http://europepmc.org/articles/PMC3634398

    Man entdeckt hier noch mehr Gemeinsamkeiten in der Begründung der beiden Beschneidungen als im Zeitungsartikel, z.B. den Wunsch, wie Mutter und Grossmutter auszusehen, "Sauberkeit" usw.

    Interessant sind die Hinweise, wie die entsprechenden kulturellen Einstellungen entstehen (durch quasi gebetsmühlenartige Wiederholung) und sich ändern lassen (durch offene Diskussion unter den beteiligten Frauen).


    Trotz ihres lobenswerten und seit Jahren durchgeführten nationalen (!) Aktionsplans gegen FGM, auf den wir bei uns immer noch vergeblich warten, muss sich auch Norwegen die Frage gefallen lassen, warum er sich gerade angesichts der Gemeinsamkeiten zwischen FGM und MGM nur auf erstere bezieht.

    Da tönt mal wieder die "Alle-Juden-nach-Israel-Lobby".

    Dass es auch eine andere Seite gibt, zeigt der Originalartikel.


    http://jppi.org.il/uploads/EUROPEAN%20JEWRY%20–%20SIGNALS%20AND%20NOISE.pdf

    Dass es, wie Merkel und Putzke annehmen, einen Unterschied zwischen der deutschen und der amerikanischen Rechtsauffassung bezüglich der Verletzung der körperlichen Unversehrheit durch die Religionsfreiheit gebe, bestreitet George Hill, Vizepräsident von "Doctors Opposing Circumcision" in einem Kommentar für "Journal of Medical Ethics".

    Zitat

    "The court then famously stated:

    Therefore, the free exercise clause of the First Amendment to the United States Constitution cannot be used to support putting a child at risk in the name of religion."


    http://jme.bmj.com/content/39/7/444.short/reply

    "THE Congress of South African Trade Unions (Cosatu) has taken its anti-Israeli campaign a notch higher, threatening to boycott the use of the newly approved PrePex circumcising device, which it says is made in the Jewish state.

    "The point is not whether this device (PrePex) is the best or not. What we are saying is that there should be a wholesale boycott of all products from Israel, including this one. We cannot have exceptions," he said."


    http://www.bdlive.co.za/national/healt…umcision-device

    Eine polemisch wirkende Abhandlung, die emotional aufgewühlt erscheint, dient der Sache letztlich nicht besonders. Das ist gerade deshalb bedauerlich, weil Paeffgen in der Sache eigentlich recht hat.

    Ich denke, dass Paeffgen hier nicht in erster Linie die religiösen Beschneidungsbefürworter meint, sondern einige seiner juristischen Kollegen und Teile der politischen Klasse bzw. deren publizistischen Sprachrohre, die mit geradezu abenteuerlichen Winkelzügen die Rechtmässigkeit der Beschneidung "begründet" haben. Man kann da natürlich versuchen, so kühl deduzierend zu bleiben wie z.B. Putzke und Isensee. Dass Paeffgen die Verblödungstaktik mancher seiner Kollegen über die Hutschnur gegangen ist, kann ich menschlich verstehen, und bringt den ganzen Irrrsinn vielleicht mehr auf den Punkt als bei den kühlen Köpfen.

    Auf diesem Hintergrund zieht das amerikanische Beispiel nur eingeschränkt, denn in der dortigen Diskussion stehen die Beschneider (Eltern, Ärzte, Religionsvertreter) im Focus, während wir es hier mit einer Offensive rechtsverdrehender "Fachleute" zu zun gehabt haben, deren Äusserungen unserer Rechtswissenschaft nicht gerade zur Ehre gereicht haben und die ganze Zunft ins Zwielicht rückten.

    Dann ist da das Schlupfloch: " Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen". Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen!
    Warum in aller Welt steht da nicht: "Körperliche und seelische Verletzungen"?
    Warum sind seelische Verletzungen verboten, körperliche Verletzungen aber erlaubt, sofern sie nicht unter "Bestrafungen" fallen?
    Seltsam, nicht wahr? Ob der Gesetzgeber damals schon die MGM im Hinterkopf und Angst vor der großen Debatte hatte?

    Das scheint mir dann doch etwas zu weit hergeholt. Körperliche Verletzungen sind natürlich sowieso strafbar und waren es auch immer schon. Körperliche Bestrafungen führen automatisch zu körperlichen Verletzungen und es hätte den 1631 eigentlich gar nicht benötigt. Er steht ja auch nicht im Strafrecht.
    Was der Gesetzgeber ausdrücken wollte, war, dass Körperstrafen aus pädagogischen Gründen keinen Rechtfertigungsgrund mehr für Körperverletzungen darstellen sollen.
    Das pädagogisch motivierte Drohen mit der Beschneidung verstösst mit Sicherheit gegen das Kindeswohl, auch nach dem neuen Gesetz. Fraglich ist nur, wie man das überprüfen will.

    Beschneidung und Harntraktinfektionen

    Diesen ganzen Quatsch mit dem Zusammenhang von Harnwegsinfektionen und Säuglingsbeschneidung sollte man eigentlich in die Tonne treten: Harnwegsinfektionen sind bei Säuglingen extrem selten (1-2%) und können leicht mit Antibiotika behandelt werden.

    Übrigens kommen (erwartungsgemäss) Morris und der Altvater der Harnwegsverhinderungsapologeten Wiswell zum gegenteiligen Ergebnis wie Jagannath et.al. Morris und Wiswell haben zum gleichen Zeitpunkt eine natürlich ebenfalls evidenbasierte Metaanalyse zum Thema veröffentlicht.

    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23201382?dopt=Abstract

    Im Ergebnis beziehen sich beide auf eine Untersuchung von Wiswell, die eine 10%ige Reduktion von UTI durch Beschneidung herausgefunden hat. "Leider" nur in relativen Zahlen. In absoluten Zahlen von 1,1 auf 0,1%. Angesichts der Seltenheit von UTIs ist das als Pro-Beschneidungsargument ein Witz.

    Zitat

    "Adherence to Islamic beliefs, together with widespread practice of male circumcision, was thought to protect against the risk of HIV infection, and subsequently to account for a comparatively low HIV prevalence in Muslim majority countries in sub-Saharan Africa and the Middle East..

     30 years into the epidemic, the reality is vastly different.

    Furthermore, the number of people newly infected in the WHO Middle East and north Africa region has increased by more than 35% (from 27 000 to 37 000).4 After the eastern Europe and central Asia region, the Middle East and north Africa region has the fastest growing HIV/AIDS epidemic in the world."



    http://www.ias2013.org/WebContent/Fil…5_June_2013.pdf


    Ich werte die Händedruckverweigerung anscheinend anders als Du. Die Geschlechterapartheit in orthodoxen Vierteln israelischer Städte habe ich persönlich erlebt. Dort führen die Gedanken, die der Herr Rabbi zum anderen Geschlecht hat, zu sehr unschönen Auswüchsen, die übrigens auch von sekularen Israelis heftig kritisiert werden. Dies mit unseren europäischen Problemchen in Bezug auf "Frauenfeindlichkeit" a la Brüderle zu vergleichen, halte ich für verharmlosend. Auch das Kopftuch hat ganz sicher nicht dieselbe Dimension.

    Ich finde nichts dabei, wenn wir die Händedruckverweigerung unterschiedlich werten. Die Auseinandersetzung über die Grenzen der Toleranz finde ich immer interessant. Bei der Kinderbeschneidung sind wir uns ja einig.

    Nur ein paar kurze Anmerkungen: die Linie, die Du ziehst, von der Hamburger Händedruckverweigerung zu den Zuständen in Israel, ist mir zu kurz. Da gibt es noch ein paar Zwischenschritte. Genauso könnte ich es beim Kopftuch machen. Da könnte ich ein paar Horrorgeschichten erzählen, wo das Kopftuch massive Folgen hat.
    Bezüglich der allgemeinen Frauenfeindlichkeit habe ich an Brüderle zuletzt gedacht. Da denke ich eher an Gewalt gegen Frauen, ungleiche Bezahlung, Frauenquote usw.

    Worauf ich aber eigentlich hinweisen wollte ist dies (und hier schliesst sich wieder der Kreis zu unserem Thema): Wie bei der Beschneidung wird auch hier das kritikwürdige Verhalten eines Menschen aufgrund seines jüdischen Glaubens unkritisch hingenommen.

    Das berührt den Unterschied bzw. Gegnerschaft von Moral und Realpolitik. Das gibt es immer und überall, nicht nur jüdischen Gläubigen gegenüber. Händedruckverweigerung mit Beschneidung in einen Topf zu werfen, hielte ich für unangemessen. Wenn ich jedes frauenfeindliche Verhalten in unserer Gesellschaft geisseln wollte, käme ich abends nicht ins Bett, und würde es mit meiner orthodox-muslimischen Bekanntschaft verderben, wenn ich den Frauen verbieten würde, meine Wohnung nur ohne Kopftuch zu betreten.