Beiträge von werner

    Es ist ja nicht so, dass von den o.g. Autoren bestritten wird, dass die Beschneidung eine traumatische Erfahrung ist/sein kann. Das ist schon mal ein bemerkenswertes Zugeständnis. Dass der Säugling gleichzeitig die heilende Wirkung der Aufnahme in die Religionsgemeinschaft realisiert, halte ich allerdings für absurd. Genauso absurd wie, dass der Säugling in Amerika realisiert, dass er in Zukunft vor UTI, STD und HIV geschützt ist.
    Der muslimische Junge merkt spätestens am nächsten Tag, dass das Versprechen, in die Gemeinschaft der Männer aufgenommen zu werden, ein Fake war.


    Soweit ich mich erinnere, war das Votum einstimmig.

    Danke für den Hinweis! Auf der Seite des Ethikrates wird wie folgt formuliert:

    Ich halte die Diskussion über Kindeswohl und Kinderwillen zwar für schwierig, aber für sinnvoll. Dafür, dass diese Themen auch in die konkrete Rechtsfindung eingehen, gibt es zahllose Beispiele. Auch wenn die Eltern das "letztendliche Interpretationsrecht" (Reinhard Merkel) haben, können die Wege, auf denen die Eltern (und bei medizinischen Fragen die Ärzte) zu ihrer Interpretation kommen, höchst unterschiedlich aussehen. Welche Bedeutung diese Wege für die Kinder haben, kann man unschwer an den Betroffenenberichten in diesem Forum ablesen. Dass letztendlich die Erwachsenen entscheiden, kann jedenfalls kein Argument sein, den Kindern keine Platform zu bieten und sie nicht in die Interpretation einzubeziehen. Das würde mit Sicherheit auch Reinhard Merkel nicht unterschreiben.


    Ich glaube nicht, dass Herzberg das jemals gesagt oder geschrieben hat. Ich halte das für eine Unterstellung, und zwar für eine ungeheuerliche. Herzberg sieht das sicher nicht als "probates Mittel".

    Dann kann man sich den Mausfinger wundklicken - man findet nichts dergleichen. Das ist ja in Zitatmarkierung, muss also wortwörtlich sein - gibt es da eine Fußnote dazu?


    Natürlich hat Herzberg das nicht gesagt bzw. nicht als eigene Meinung, sondern als Vorstellung des Vaters, der eine Beschneidung seines Sohnes in Erwägung zieht, gekennzeichnet. Die Verdrehung seiner Aussage ist in der Tat infam.
    Die betreffende Aussage von Herzberg findet sich in der Zeitschrift "Psyche" (Jahrgang 67/2013, S. 281):

    Zitat von Herzberg

    "Zur Veranschaulichung: Ein frommer Vater will seinen Sechsjährigen vor der Sünde der »Unkeuschheit« und »Selbstbefleckung« bewahren, nachdem er ihn ein paar Mal beim Onanieren erwischt hat. Wenn er ihn davon für die Zukunft abzuhalten sucht, indem er ihm eine Ohrfeige oder eine Tracht Prügel verabfolgt, so begeht er eine rechtswidrige Körperverletzung und sieht sich mit Strafe bedroht. Wenn er ihm dagegen aus demselben religiösen Motiv die Vorhaut abschneiden lässt (ein probates Mittel gegen die Selbstbefriedigung!), so kann man dem gerade in Kraft getretenen § 1631d BGB eine Erlaubnis entnehmen."


    Merkel hat da zweifelsohne viele kluge und richtige Gedanken geäußert und sehr wichtige Informationen geliefert, aber am Ende hat er diesem unethischen Ethik(ver)rat-Beschluss zugestimmt - ein nicht wieder gut zu machender Fehler.


    Der Ethikrat gab ein Mehrheitsvotum ab. Eine Belegstelle dafür, dass Merkel zu dieser Mehrheit gehörte, wäre hilfreich. Ich konnte jedenfalls keine finden.

    Eine Gedenkveranstaltung zum Attentat auf eine jüdische Schule in Toulouse nimmt der ehemalige Grossrabbiner von Frankreich und jetzige Rabbiner der französischen Luftwaffe und Mitglied des nationalen Ethikrates, Haim Korsia, zum Anlass, die Franzosen an die Grundlagen ihres nationalen Selbstverständnisse zu erinnern.
    Aber nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa gehe der Antisemitismus herum. Als Beweis muss, wen wundert's, einmal mehr der Beschluss des Europarates zur körperlichen Unversehrtheit von Kindern herhalten. Korsia hält diesen Beschluss für vernunftwidrig, weil er dazu führe, Kinder in einem erziehungs- und kulturlosen Raum aufwachsen zu lassen. Des weiteren kritisiert Korsia, dass der Europarat ein religiöses Ritual mit Körperverletzungen wie Piercing und Tattooing in einen Topf werfe und die gesundheitlichen Vorteile der Beschneidung ignoriere.
    Nach Korsia ist ein Beschneidungsverbot seit 3500 Jahren der Traum aller Antisemiten, die sich im weiteten Verlauf als Feinde der Menschheit entpuppt hätten.
    Die Gedenkveranstaltung am Pariser Trocadero endete mit dem Absingen der Marseillaise, aus der Haim Korsia vor allem den Ruf nach Brüderlichkeit heraushörte.

    http://www.huffingtonpost.fr/haim-korsia/ju…_b_4998068.html

    Warum Haim Korsia mit keinem Wort erwähnt, dass der Anschlag von Toulouse von einem Islamisten algerischer Herkunft verübt worden ist, ist mir ein Rätsel.

    Viele Beschneidungskritiker, wie z.B. Matthias Franz, vertreten bekanntlich seit Jahren die Ansicht, dass rituelle Beschneidung zu einem Trauma führe, das zwar - im Falle der Säuglingsbeschneidung - nicht mehr bewusst erinnert werde, aber trotzdem seine Wirkung entfalte.
    Nun begegnet man auf fachlicher Seite oft dem Argument, dass diese Darstellung verkürzt sei, da die traumatische Erfahrung durch die liebevolle Umgebung aufgefangen bzw. egalisiert werde.

    Die Psychologin Anna Leszczynska-Koenen formuliert diesen Gedanken in der Zeitschrift "Psyche" (Jahrgang 66/12) wie folgt:

    Zitat

    "Es ist eine absolute Verkürzung der Traumatheorie, die Erfahrung der Beschneidung aus dem jeweiligen Beziehungs- und kulturellen Kontext herauszulösen (Hegener 2004). Die psychische Verarbeitung von Erfahrung erfolgt bei Kindern bekanntlich im Rahmen liebevoller, haltender Beziehungen, die dem Erlebten Bedeutung verleihen und eine emotionale Integration ermöglichen. »Weil wir unsere Kinder lieben«, schreibt Pannbacker, »und weil es uns um ihr Wohl geht und weil sie als jüdische Kinder ein Recht darauf haben, in ihr Volk, ihre Religion und den Bund mit ihrem Gott aufgenommen zu werden, [...] beschneiden wir unsere Söhne am achten Tag nach der Geburt.« Eingebettet in eine auf diese Weise religiös und kulturell geprägte Vorstellung von Kindeswohl, wird die Integration des Schmerzreizes der Beschneidung sowie eine positive Besetzung des eigenen beschnittenen Genitals ganz anders möglich, als sich das jene vorstellen, für die diese kulturelle Zugehörigkeit keine Bedeutung hat."


    Anna Leszczynska-Koenen verweist darauf, dass schon die "Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT)" eine entsprechend formulierte Erklärung im September 2012 herausgegeben hatte:

    Zitat

    "Ein Eingriff in zentrale Elemente religiöser Identität kann von vielen Familien durchaus als Labilisierung, Verunsicherung und Missachtung in einem wesentlichen Kernpunkt ihres Lebens empfunden werden – mit ebenfalls gravierenden psychischen Folgen für die Kinder."


    Ich kann dieser Ansicht nicht ganz folgen, sondern frage mich, wie es wohl ein Kind verarbeitet, wenn traumatische und liebevolle Signale aus der gleichen Ecke kommen und vom Kind verlangt wird, seine Traumatisierung als Liebesbeweis zu verstehen.

    Ich kann jedoch nirgends erkennen, dass R. Merkel jemals die Zirkumzision unter vernünftige, rationale Entscheidungen der Erwachsenen über ihre Kinder subsumiert hat.


    Da habe ich mich wohl missverständlich ausgedrückt. Bei der o.g. Tagung ging es Merkel mit seiner Bemerkung zum Elternwillen natürlich nicht um die Beschneidung. Ich wollte lediglich mit meiner Bemerkung mein Bedauern darüber ausdrücken, dass Merkel bei diesem Anlass nicht die Gelegenheit ergriffen hat, einen Bezug zwischen dem Thema der Tagung und der Beschneidung herzustellen. Er wird dafür seine Gründe gehabt haben, die ich selbstverständlich respektiere.

    Über die Bedeutung Merkels in der Beschneidungsdebatte an sich hege auch ich keinerlei Zweifel.

    In der Zeitschrift "Psyche" (62/13) meint die Psychologin ANNA LESZCZYNSKA- KOENEN ein gewichtiges Argument gegen Herzberg vorbringen zu können. Der "Schuss" geht allerdings nach hinten los.

    Zitat

    "Weil es Herzberg vor allem um Argumente für ein Beschneidungsverbot geht, kann und will er nicht nachvollziehen, warum ich die Gleichsetzung von Beschneidung und der Maxime »eine ordentliche Tracht Prügel hat noch keinem geschadet«, die Matthias Franz vorgenommen hat, als »unverschämt« bezeichne. Herzberg wertet beides in gleicher Weise als »Gewalt«, die er offenbar nur im Kontext einer schwarzen Pädagogik einordnen kann. Das erklärt seine seltsame rechtskasuistische Phantasie von einem Vater, der seinem sechsjährigen Sohn die »Vorhaut abschneiden lässt«, um ihm vom Onanieren abzuhalten, was laut Herzberg auch »ein probates Mittel gegen die Selbstbefriedigung« sei. Nun – wer an solche »probaten Mittel« glaubt, der sei auf »Portnoy’s Complaint« von Phillip Roth verwiesen, dessen mit Sicherheit beschnittener Protagonist es durchaus zu einer Meisterschaft in dieser Disziplin bringt."


    Ob die obszessive Masturbation, die Roth als Ausdruck einer tiefgehenden Persönlichkeits- und Beziehungsstörung beschreibt, eine "Meisterschaft" in "Befriedigung" darstellt, wage ich denn doch zu bezweifeln. Auch in anderen Romanen von Philip Roth wird der männlichen (beschnittenen) Sexualität selten ein Ruhmesblatt ausgestellt.

    Wie hanebüchen der Kenntnisstand heute immer noch ist, macht Kupferschmid mit folgendem Hinweis deutlich:

    Zitat

    "In einem noch aktuellen Standardlehrbuch der Pädiatrie für Studenten wird die Phimose unter den urogenitalen Fehlbildungen abgehandelt. »Die distal enge Vorhaut lässt sich nicht zurückstreifen. [...] Bis zum Ende des 2.–3. Lebens- jahres ist eine Verklebung der Vorhaut mit der Glans physiologisch. [...] Eine echte Phimose erfordert eine Zirkumzision« (Michalk, 1995). Das muss man als heutiges »Basiswissen« zur Phimose ansehen. Nach dieser Lehre entspräche es einer »unphysiologischen Phimose«, wenn sich die Vorhaut bei einem kleinen Jungen im Kindergartenalter nicht zurückstreifen ließe."


    Auch auf die hier im Forum schon diskutierte Phimoseleitlinie der Kinderchirurgen geht Kupferschmid ein. Er weist dabei nicht nur auf den eingeschränkten Wert dieser Leitlinie, sondern auf einen eklatanten Widerspruch in der dortigen Argumentation hin.


    Zitat

    "Die neueste Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie zu Phi- mose und Paraphimose bleibt weiterhin auf der niedrigsten Qualitätsstufe (S1) und beschränkt sich auf die Auswertung von 17 Literaturzitaten. Obwohl die sparsam verwendete Literatur anderes aussagt, stellen die kinderchirurgischen Experten fest, dass Reifungsvorgänge eine »Auflösung der physiologischen Vor- hautverklebung und -enge bei der übergroßen Mehrzahl der Knaben im Alter von 3 bis 5 Jahren« bedingen würden (AWMF, 2013). Bei unkompliziertem Verlauf sei der Beginn einer Therapie im Vorschulalter, bei Beschwerdefreiheit auch später, zu empfehlen. Der unsinnig konstruierte Gegensatz zwischen »unkompliziert« und »Beschwerdefreiheit« wird nicht näher spezifiziert."

    Aus Kupferschmids Sicht trägt die Leitlinie nicht zur Klärung (was der eigentliche Sinn einer Leitlinie sein sollte) bei, sondern vergrössert noch die bestehende Verwirrnis.

    Zitat

    "Auch engt die Leitlinie auf der einen Seite die Gründe für eine Beschneidung auf Vorhautengen durch Entzündungen und Narben streng ein, auf der anderen Seite eröffnet sie jedoch durch mangelnde Präzision, Relativierungen und innere Widersprüche einen großen Graubereich der Behandlung, die auch eine Beschneidung sein kann. Die Empfehlung einer Therapie bei »unkompliziertem Verlauf« im Vor- schulalter pathologisiert einen Zustand, der an anderer Stelle der Leitlinie richtiger Weise als normal bezeichnet wird."

    Kupferschmid warnt davor, die Beschneidungsoperation auf die leichte Schulter zu nehmen, und sie als Übungsfeld im Rahmen der Ärzteausbildung zu betrachten.


    Zitat

    "Der Kinderchirurg und Mitautor der kinderchirurgischen Leitlinie, Karl Becker, klassifiziert in seinem selbst verlegten Buch »Die rituelle Beschneidung« den Eingriff als einen »kleinen«. Im Vergleich zu den komplexen großen kinderchirurgischen Operationen mag das sogar stimmen. Die Beschneidung sei für ihn »ein guter Einstieg in die subtilen Operationstechniken der Kinderchi- rurgie und somit für die Ausbildung gut geeignet« gewesen. Die jungen Ärzte hätten an den kleinen Jungen den »sorgsamen Umgang mit dem kindlichen Gewebe, das Nähen und verletzungsarme Präparieren« lernen können (Becker, 2013). Das Problem ist nicht die Notwendigkeit, dass lernende Chirurgen Schritt für Schritt an kompliziertere Operationen herangeführt werden müssen. In der Verharmlosung (im Wortsinn: harm-los) der einfachen Dinge steckt die Gefahr. Es darf in der Medizin keine Schwelle geben, unterhalb derer Eingriffe wegen ihrer Geringfügigkeit weniger gut begründet oder mit geringerer Sorgfalt ausgeführt werden müssen. Becker hält in seinem Buch Beschneidungen kleiner Jungen als Vorbeugemaßnahme von Erkrankungen der Vorhaut für gerechtfertigt, was er als Koautor der Leitlinie gleichzeitig strikt ablehnt."

    In der Tat waren Kindeswohl und Kindeswillen bei medizinischen Interventionen das Thema dieser Tagung. In der allgemeinen Diskussion nach den beiden Impulsvorträgen kamen jedoch auch jede Menge Erziehungsfragen auf den Tisch: vom Kauf neuer Schuhe bis zur Schulverweigerung. Christiane Woopen war die einzige, die das Thema Beschneidung erwähnte, allerdings mit dem Hinweis, dass es dabei ja nicht um medizinische Fragen gehe, und dies einen Unterschied mache. Bei der Diskussion des Schuhkaufs fehlte dieser Hinweis dann allerdings.
    Nun kann sich selbstverständlich jeder angesichts dieses Vorgangs denken, was er will - man muss es ja nicht aussprechen. Jedenfalls wäre mir der Hinweis, dass die Amputation per se weder dem Willen der Eltern noch dem des Kindes unterliegt, und aus diesem Grund nicht zum Thema der Tagung gehört, wesentlich einleuchtender gewesen.

    Festzuhalten ist trotzdem generell, dass sich Claudia Wiesemann wie kaum eine andere um die Erforschung und Berücksichtigung des kindlichen Willens bemüht. Sie stiess dabei auf eine erhebliche Zahl von Bedenkenträgern. Dass darunter auch Reinhard Merkel war, ist bedauerlich.

    Zitat

    "Am 11. März 2014 fand in Berlin das zweite Treffen der deutschsprachigen Bioethikkommissionen statt. Auf dem Treffen wurden aktuelle Fragestellungen zum Kindeswohl, zur Impfthematik sowie zu Biobanken und personalisierter Medizin diskutiert. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer setzten sich aus den Mitgliedern der österreichischen Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt, der schweizerischen Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin und dem Deutschen Ethikrat zusammen."


    http://www.ethikrat.org/veranstaltunge…hikkommissionen


    Ich weise hier besonders auf den ersten Tagungspunkt über das Kindeswohl hin, insbesondere auf den Vortrag von Claudia Wiesemann und die anschliessende Diskussion. Hier wird das Thema der rituellen Beschneidung mehrfach erwähnt, wenn auch nicht intensiver behandelt.

    Claudia Wiesemann's Haltung zur rituellen Beschneidung ist nicht völlig eindeutig. Einerseits betont sie den "moralischen Status" des Kindes, setzt sich also für die Akzeptanz des kindlichen Willens ein, andererseits formuliert sie:

    Zitat

    "Ist das sichere Wissen um die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft nicht wichtig für ein nach vertrauensvollen und verlässlichen Beziehungen strebendes Kleinkind?"


    Claudia Wiesemann - Süddeutsche Zeitung - Außenansicht