Mehr als die Aussagen von Herrn Kramer ärgern mich die Reaktionen von einigen Beschneidungskritikern darauf. Deshalb - nochmals - eine (etwas längere) Analyse des Interviews. Wiederholungen bitte ich zu entschuldigen.
Herr Kramer stellt doch unmissverständlich klar:
"Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Die Beschneidung ist für mich ein religiös konstitutives, körperlich sichtbares Siegel des Bundes mit Gott, dessen ritueller Vollzug am achten Tag nach der Geburt für einen männlichen Juden nicht zur Disposition steht." Und: "Das Gesetz ist eine Verschlechterung des bisherigen Zustands". (Gegenüber dem Kölner Urteil sicher nicht.)
Wenn er sagt:
"Aber wir kommen ja gar nicht dazu, darüber in Ruhe miteinander zu diskutieren, auch in der jüdischen Gemeinde",
dann verschweigt er, dass über die Beschneidung schon seit sehr, sehr langer Zeit und auch jetzt und weltweit innerhalb des Judentums diskutiert wird. Er verschweigt das wider besseren Wissens - warum macht er das?
Schuld an dem (angeblichen) Mangel an Diskussion innerhalb des Judentums seien die Attacken von Aussen. Auch hier erweckt er einen falschen Eindruck: Juden waren und sind schon immer äusserst diskussionsfreudig, völlig unabhängig von äusseren Einflüssen. Auch das weiss Herr Kramer natürlich...
"Ich habe mehrere Rabbiner gefragt: Wir haben so vieles abgeschafft, was in der Thora steht, warum nicht auch das? Die meisten Argumente überzeugen mich nicht wirklich: Es sei identitätsstiftend, und man hat es seit 5.000 Jahren so gemacht. Das allein kann noch keine Begründung sein, die mich zufrieden stellt."
Aha, es wird also DOCH innerhalb des Judentums diskutiert! Und wenn die zitierten Antworten der Rabbiner Herrn Kramer nicht überzeugt haben, und die Beschneidung trotzdem für ihn " konstitutiv" ist, kann sie offensichtlich auch noch anders begründet werden. Diese Gründe verschweigt er uns leider...
Herr Kramer "gibt zu", dass die Beschneidung eine Körperverletzung ist (Was soll er auch tun, wenn er nicht das Kopfschütteln der Juristen ernten will - so blöd ist er nicht!). Noch im selben Satz (!) stellt er einen Bezug zur Blutabnahme und zur Impfung her. Beschneidung ist also eine genauso harmlose " Körperverletzung". Das "Argument" kennen wir ja....
"Es ist auch idiotisch, Kritik daran mit dem Argument abzutun, es täte nicht weh. Es tut weh. Es ist auch dummes Zeug, die Sache damit zu bagatellisieren, dass Mann diese paar Zentimeter Haut doch nicht braucht. Wir müssen auch begründen wie wir rechtfertigen, dass die körperliche Züchtigung eines Kindes – zu Recht – verboten ist, aber ihm ein Stück von der Vorhaut abzuschneiden soll in Ordnung sein,"
sagt Herr Kramer. Er erwähnt also einige Argumente der Beschneidungsgegner, und fordert, dass Juden begründen müüsen, dass sie es trotzdem tun ("konstitutiv"). Die Gründe nennt er wiederum nicht...
Die Interviewerin, Frau Lau (übrigens die Ehefrau von Jörg Lau, einem der heftigsten Vertreter des Antisemitisvorwurfs, - aber dieser Hinweis ist nur Polemik natürlich) hält diese Aussage von Herrn Kramer für ein "Entgegenkommen" an die Beschneidungsgegner. Darauf sind auch viele hereingefallen. Es ist also schon ein " Entgegenkommen", wenn sich die Befürworter überhaupt auf eine Diskussion einlassen - also auf die normalste Sache von der Welt!
"Nur mit Demagogen ist diese Diskussion zwecklos."
Und wer Demagoge ist, entscheidet natürlich Herr Kramer...
Gegen Ende des Interviews kommt Herr Kramer den Beschneidungskritikern übrigens " entgegen": "Dass ein Arzt auch vorher dabei ist, wenn der Mohel die Bescheidung durchführt." VORHER, nicht WÄHREND. Der Arzt setzt also - im " besten" Fall - einen Penisblock, und überlässt den Säugling dann dem Mohel. Das ist dann "ärztliche Kunst". Vielleicht "berät" er den Mohel auch bezüglich der Betäubungssalbe...
Herr Kramer ist Konvertit. Das ist kein Vorwurf - im Gegenteil - das ist im Judentum eine ganz harte Schule, deren Durchstehen Respekt verlangt. Aber dadurch kennt er natürlich alle religiösen Argumente in- und auswendig, wahrscheinlich besser als die meisten anderen Juden. Leider lässt er uns nicht daran teilhaben...
Der Grund für seinen rhetorischen Vernebelungsversuch liest sich ganz am Anfang des Interviews:
"Ich bin keineswegs sicher, wie die (Abgeordneten) sich entscheiden werden, auch wenn wir viel Unterstützung aus der Politik erhalten haben. Aber nicht immer ist das Meinungsbild der Parteibasis identisch mit der Position der Parteiführung."
Es besteht also die "Gefahr", dass sich Abgeordnete bis zur Abstimmung "in Ruhe" (O-Ton Herr Kramer) über die juristischen und medizinischen Hintergründe informieren und GEGEN die Beschneidung entscheiden, weil der Fraktionszwang aufgehoben wird. Dagegen hat die SZ schon vor ein paar Tagen gewettert: Gewissensentscheidung sei Quatsch in der Politik...
Offensichtlich hat sich der Zentralrat jetzt zur Arbeitsteilung entschlossen. Zu denjenigen Abgeordneten, die sich von der " Holocaust- Keule" nicht haben beeindrucken lassen, wird jetzt Herr Kramer geschickt, und legt ihnen die anderen (im Interview noch verschwiegenen) "Gründe" für die Beschneidung dar. Vorraussetzung ist natürlich, dass diese Abgeordneten keine "Demagogen" sind. Lobbypolitik vom Feinsten.
Ich entschuldige mich für diese lange "Abhandlung", aber mich haben manche Reaktionen von Beschneidungsgegnern wirklich SEHR geärgert!