Beiträge von werner

    Und wie erklärst Du dann, dass doch offensichtlich so viele un-beschnittene Männer sich in der Partnerwahl irren? Deren " Vorhaut-Sensorium" müsste doch rechtzeitig Warnsignale aussenden:)

    Aus dieser Bemerkung Habermas' ein Pro für die Beschneidung herauszulesen, halte ich auf dem Hintergrund seines gesamten " Lebenswerkes" für mehr als gewagt. Wahrscheinlicher ist m.E., dass Habermas den Kölner Richtern einen Mangel an " Diskursethik" vorwirft, indem sie z.B. von den Religionsgemeinschaften verlangen, die Beschneidung bis zur Religionsmündigkeit zu verschieben, was für diese faktisch unannehmbar ist. In die Frage, welches Ergebnis die geforderte " Diskursethik" hat, hat sich Habermas niemals nicht eingemischt, u.a. mit dem Hinweis, er sei " religiös unmusikalisch".
    In einer Münchner Diskussion hat der Religionswissenschaftler Graf übrigens Habermas darauf hingewiesen, dass die " Diskursethik" eine Bereitschaft von beiden Seiten verlange, die z.B. seitens der religiösen Fundamentalisten nicht gegeben sei. Seitens der religiösen Verbände kann ich eine solche Bereitschaft allerdings ebenfalls nicht erkennen.

    In dem erwähnten Artikel für die NZZ schreibt Kermani übrigens:

    Zitat

    "Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab. Nebenbei finde ich die Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung, über die wir uns freuen, die wir geniessen sollen, auf dass wir den Schöpfer erkennen. Ich kann im Herzen verstehen, warum Judentum und Islam die Kreuzigung ablehnen."


    Bezüglich der Beschneidung lehnt er aber jede Einmischung seitens anderer in die betreffenden Religionen nachdrücklich ab. Infam!

    In der letzten Woche heimste Kermani einen weiteren Preis ein:

    Zitat

    "Bonn, 26. Oktober 2012 – Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani (44) wurde heute (Freitag) mit dem Cicero Rednerpreis 2012 der Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG ausgezeichnet. Mit ihm werde ein Redner geehrt, „der Ciceros Ideal eines umfassend gebildeten, politisch, wissenschaftlich und literarisch gleichermaßen erfahrenen ‚Vir bonus‘ auf selten gewordene Weise verkörpert. Ein Rhetor, der sich engagiert und mutig für Toleranz in allen Lebensbereichen einsetzt und damit einer seit der Antike zentralen rhetorischen Tugend mit rednerischer Kraft fortwirkende Geltung zu sichern sucht“, so die Jury."

    Nur weil er den Islam ernst, ist er nicht automatisch für die Beschneidung:

    "Liberale Verfassungen gewährleisten allen Religionsgemeinschaften (unter Berücksichtigung der negativen Religionsfreiheit) den gleichen Freiraum und schirmen gleichzeitig die staatlichen Körperschaften, die kollektiv verbindliche Beschlüsse fassen, gegen die politische Einflussnahme vonseiten einzelner mächtiger Religionsgemeinschaften ab. Daraus folgt aber, dass sich dieselben Personen, die ausdrücklich dazu ermächtigt werden, ihre Religion zu praktizieren und ein frommes Leben zu führen, in ihrer Rolle als Staatsbürger an einem demokratischen Prozess beteiligen sollen, dessen Ergebnis von allen religiösen Beimengungen freigehalten werden muss."

    Guy

    Jedes Land hatte die Möglichkeit, in Form von "Protokollnotizen" seinen persönlichen "Senf" zu den einzelnen Artikeln abzugeben. Kein Land hat dabei auf die Beschneidung von Kindern verwiesen. Also müssen sich m.E. nicht die Befürworter legitimieren, sondern die Gegner, warum sie es nicht getan haben.

    Im dem besagten Interview sagt Herr Kermani:

    "Humanisierung eines mythischen Vorgangs, wobei in beiden Fällen ein physischer Restbestand der ursprünglichen Handlung bleibt."

    Für Herrn Kermani ist also die Zwangsverstümmelung von Säuglingen ein " physischer Restbestand", der die Folge von " Humanisierung" ist. Er schmeisst alle Ebenen von Symbolisierungen einfach in ein und denselben Topf.

    Man fasst es nicht!

    Descant

    Ich verweise hier noch einmal auf die Diskussionen - auch hier im Forum - über das Zustandekommen dieser Konvention. Auch der Kommentar des Beschneidungsgesetzes bezieht sich ja auf diese Konvention. Natürlich bleibt es jedem überlassen, auch die Zwangsbeschneidung von Kindern unter die Konvention zu subsumieren. M.E. wäre die Konvention jedoch niemals zustandegekommen, wenn sie es im "Sinn" gehabt hätte, die Zwangsbeschneidung von Kindern zu "meinen". Da wären die islamischen Länder, Israel und Amerka und deren "Interessenverbündete" absolut dagegen gewesen. Es müsste erst wieder die Diskussion darüber aufgenommen werden, welche Rechtsverletzungen damit gemeint sind.

    Du setzt das "nur" ja bewußt in Gänsefüßchen. Schließlich wird momentan ja die ganze Aushebelung des Grundgesetzes zu 95% mit RELIGIÖSEM LEBEN in Deutschland begründet!

    Man kann ja schlecht ( bzw. noch schlechter) das Grundgesetz mit der Begründung "Das machen ( bei uns) alle so" aushebeln :)
    Was ich meinte, war eher das wahre Empfinden der betreffenden Gläubigen an der " Basis".

    Ja natürlich fällt der Wahnsinn in den USA auf, wo man mit "Hygiene"-Argumenten arbeitet. Trotzdem ist es sicher kein Zufall, dass in einem Land, in dem religiöser Fundamentalismus derart hoffähig ist, sexualfeindliche Verstümmelungspraktiken in einem solchen Ausmass Usus werden konnten. Da sehe ich mindestens eine Duldung! Denn die Kirchen haben dort derart viel Macht, dass wenn sie etwa DAGEGEN hätten, so eine Entwicklung nie möglich gewesen wäre. Man sieht ja bei Themen wie Abtreibung, Homosexualität und Evolutionstheorie wozu die fähig sind, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht.

    Die amerikanischen Kirchen haben sicher nichts gegen die Beschneidungsbefürworter. Aber gerade angesichts des dort herrschenden religiösen Fundamentalisten wundert es mich eben, dass religiöse Begründungen für die Beschneidung so gut wie gar nicht nachzulesen sind,

    Also nochmal: natürlich haben Religionen nicht an allem Übel dieser Welt Schuld - auch nicht ALLEIN an Vorhautamputationen.

    Wir sind uns einig!

    Aber viele Religionen haben ein krankhaftes Verhältnis zu Sexualität. Und ein großes Misstrauen gegenüber freier Selbstbestimmung von Menschen, was sich in ihrem Bestehen auf Initiationsriten zeigt.

    Auch da sind wir uns einig!

    Und das dient dem Kampf für genitale Selbstbestimmung mitnichten.

    So ist es!

    Pizarro73 "Das hat nie jemand behauptet."


    Doch,doch, ausgehend von B.O.Bachter wurde das oben diskutiert. Mit meinem Zitat wollte ich die Diskussion sozusagen " historisch verorten", denn es wurde hier ja auch über Geschichte diskutiert, z.B. über viktorianische Prüderie, die in das 19. Jahrhundert gehört.
    Es fällt ja doch auf, dass z.B. In Amerika die Beschneidung fast überhaupt nicht mehr religiös, sondern " gesundheitlich" begründet wird. Ich glaube darüber hinaus, dass sich unter Muslimen und Juden das Gebot der Beschneidung heutzutage eher als "sozialer Gruppendruck" darstellt (" das machen alle so") und das religiöse Argument "nur" als dessen Verstärkung und für die Legitimation nach aussen benutzt wird.

    Die durch die Beschneidung eintretende Verminderung der Empfindlichkeit schränkt das sexuelle Empfinden ein, aber nicht die Fortpflanzung. ALLE Religionen wollen die Sexualität innerhalb der Familie zum Zeck der Fortpflanzung (!) befördern, alles, was darüber hinausgeht einschränken. Beschneidung ist dafür ein probates Mittel. In Amerika - eigentlich ein ziemlich religiöses Land - hat aber nicht die Religion, sondern das Hygieneargument diese Funktion übernommen. Der Zweck bleibt derselbe.

    Dass hinter einer rigiden Sexualmoral nicht immer die Religion steht, sondern die Religion solche Moral übernimmt entnehme ich folgendem Zitat:

    Zitat

    "Ursprünglich war diese Prüderie außerhalb der Kirche weit verbreitet gewesen, wo sie durch Ärzte, Psychiater und Erzieher gefördert worden war. Nach anfänglichem Sträuben folgten jedoch bald die meisten Geistlichen diesem Vorbild. Als schließlich die Wissenschaft begann, sich von so engen Anschauungen zur Sexualität zu lösen, sahen sich viele Kirchenführer aber außerstande, diesem Beispiel zu folgen. Für sie waren die pseudowissenschaftlichen Theorien des 19. Jahrhunderts zum festen Bestandteil ihrer religiösen Anschauungen geworden."

    Sexualitaet und Religion


    Der gemeinsame historische Ursprung der Sexualmoral scheint mir IMMER der Schutz von Ehe und Familie, d.h. der Beschränkung der Sexualität auf die Fortpflanzung.

    Das Kind hat also die Wahl zwischen Pestilenz (Beschneidungstrauma) und Cholera (Bindungsstörung). Wenn es die Beschneidung verweigert, wird ihm mit Bindungsstörung gedroht. Den Erhalt der Bindung bezahlt es mit einem Trauma

    Kinderschutzbund " at its best"!

    "WENN die Komplikationsrate bei Beschneidungen tatsächlich 6 bis 7 % betragen würde, gäbe es wohl kaum einen Juden oder Muslimen, der seinen Sohn beschneiden würde....."

    "Wenn es schaden würde, würden wir es nicht machen" (Dieter Graumann)


    Steht ein Mann mit Taucherausrüstung auf dem Mount Everest. Kommt ein Bergsteiger vorbei und sagt: "Hier gibt es aber kein Meer!" Sagt der Taucher: "Doch! Denn wenn hier kein Meer wäre, würde ich ja nicht in der Taucherausrüstug hier stehen."

    Ein erster Bericht

    Beschneidungsdebatte: Genderbending für den Penis - taz.de


    "In Deutschland war die Diskussion um die Beschneidung kurz und heftig und wurde in vielen westlichen Ländern wahrgenommen – nicht aber im arabischen Raum. Das bestätigte die zweite Diskussionsrunde mit der türkischen Literaturagentin Nermin Mollaoglu, der libanesischen Theatermacherin Maya Zib und der ägyptischen Frauenrechtlerin Marwa Sharafeldin.Alle drei waren sich einig, dass religiöse Begründungen für die Beschneidung in ihren Ländern kaum eine Rolle spielen. „Es ist eine Gewohnheit“, sagte Nermin Mollaoglu. Eine Gewohnheit, die allerdings politisch instrumentalisiert werden kann. Die Literaturagentin berichtete von Massenbeschneidungen, organisiert von türkischen Parteien. Der teure Eingriff wird zum Wahlgeschenk."