Wo ist das Deutsche Intaktivisten-Netzwerk?

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    • Wo ist das Deutsche Intaktivisten-Netzwerk?

      Guten Tag allerseites,

      ich setze mich seit einigen Monaten mit dem Thema MGM auseinander. Ich habe neben den internationalen Seiten auch die einschlägigen deutschen Webseiten gefunden wie Mogis und Intaktiv und eben dieses Forum hier. Aber irgendwie hatte ich erwartet, dass es eine Art reales, aktives Netzwerk so wie die Intaktivisten in den USA geben würde. Ich hätte z.B. erwartet, dass es in einer Großstadt wie Hamburg selbstverständlich Ansprechpartner und Initiativen zu diesem Thema gibt. Bisher habe ich aber sowas nicht finden können.

      Ich möchte Euch daher fragen:
      Gibt es (abgesehen vom WWDOGA) Versammlungen oder Anlaufpunkte, wo man real miteinander in Kontakt treten kann, und wo gemeinsam Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit geplant werden?
      Und gibt es irgendwo Personen, die sich z.B. ehrenamtlich als telefonische Ansprechpartner zu diesem Thema zur Verfügung stellen?
      Daneben frage ich mich auch, ob es irgendwo eine Auflistung gibt, wo sich professionelle Personen wie z.B. Ärzte, Juristen oder Therapeuten finden, die sensibel für das Thema sind?

      Vielleicht erwarte ich ja zu viel, aber bei den meisten gesellschaftlichen Themen gibt es ja Anlaufpunkte, Treffen, Selbsthilfegruppen und regelmässige Versammlungen in der realen Welt jenseits von Foren und Webseiten. Ist das bei diesem Thema nicht der Fall?

      Freundliche Grüße
      von Guido
    • Hallo Guido,

      vielen Dank für Deine Fragen und Anregungen!
      Nun, in den USA ist es ähnlich wie hier. Sie haben keine Beratungsstellen oder Runden Tische oder ähnliches.

      Selbstverständlich findest Du bei den genannten Initiativen und Vereinen Kontaktdaten. Dort hört man sicher immer gerne, wenn Leute in realen Kontakt treten möchten.

      Beachte bitte auch die aktuelle Kampagne "Mein Körper - unversehrt und selbstbestimmt" von TERRE DES FEMMES, 100% MENSCH und MOGiS e.V.
      unversehrt.eu
      Auch da gibt es Kontaktmöglichkeiten bei gleich drei Organisationen.
      Solche Zusammenschlüsse hat es in den USA meines Wissens noch nicht gegeben.

      Die "meisten gesellschaftlichen Themen" bekommen für ihre Treffpunkte, Büros etc. (wenn auch meist sehr kleine) Zuwendungen. Beim Thema männliche Genitalverstümmelung ist es völlig anders: es wird von der öffentlichen Hand bewusst ignoriert bis aktiv diffamiert, d.h. alles, aber auch alles hängt von ehrenamtlicher Arbeit ab, die auch noch ständig pauschal Unterstellungen ausgesetzt ist, ohne dass sie die Möglichkeit bekommt, sich argumentativ zu äußern. Das muss sich ändern.

      Bei "anderen Themen" ist es auch so, dass sie längst auf der Agenda großer bereits bestehender Beratungsstrukturen sind und man es dort direkt anspricht.

      Auch das ist bei männlicher Genitalverstümmelung anders: Deutscher Kinderschutzbund, Deutsches Kinderhilfswerk, UNICEF rühren keinen Finger bzw. sammeln wie UNICEF sogar Geld für MGM in Afrika.

      Das alles muss sich ändern. Je mehr Leute mitmachen, umso schneller geht es! :)
    • Hallo Pizarro73,

      vielen Dank für Deine ausführliche Antwort. Ich möchte gerne noch mal im Detail darauf eingehen, was ich mit meiner Frage meinte, und wo ich hier ein Problem sehe.

      An meiner eigenen Erfahrung kann ich Folgendes feststellen:

      1. Als ich mich mit dem Beschneidungs-Thema auseinandersetzen musste, hatte ich keinen persönlichen Anlaufpunkt, an dem ich mir gezielt Anteilnahme, Rat und Unterstützung hätte holen können. Natürlich kann ich hier im Forum meine Geschichte posten, und schauen, ob irgendwer irgendwas dazu kommentiert. Aber das ist nicht das gleiche, als ob ich eine persönliche Ansprache durch eine Person habe, die sich mit dem Thema auskennt und sich meiner Sorgen annimmt. Auch dass die Vereine eine Email-Adresse zum Kontakt haben, ist nicht mit einem Angebot zur Beratung gleichzusetzen. Du schriebst, dass man es dort sicher gerne hört, wenn man in realen Kontakt treten will, aber genau das ist das Problem: dass es keinen geregelten Weg in ein semiprofessionelles Beratungsangebot gibt. Wenn ich z.B. Opfer von Diskriminierung gewesen wäre, oder spielsüchtig, oder Asthmatiker, dann würde es dafür wohl eine Auffang-Struktur geben.

      2. Wenn ich jetzt beschliesse, mich für das Thema zu engagieren, dann scheint es ebenfalls keinen Ort zu geben, an dem ich das niedrigschwellig tun könnte. Wenn ich mich z.B. bei dem Thema »Gewalt in der Ehe« oder dem »Schutz der Weltmeere« einsetzen wollte, gäbe es wohl genug Möglichkeiten, mich vor Ort mit Anderen auszutauschen, und dann z.B. mal einen Nachmittag Flugblätter in der Fußgängerzone zu verteilen. Beim Beschneidungsthema finde ich keine niedrigschwellige Möglichkeit, irgendwo mitzumachen. Dabei scheint es mir besonders wichtig, dass man so ein Engagement skalieren kann, dass man also frei bestimmen kann, wie wenig oder viel man sich einbringen möchte.

      Beides zusammen liefert aus meiner Sicht schon einen Teil zu einer Begründung, warum das Thema - auch bei den großen Verbänden - nicht die Aufmerksamkeit erfährt, die man sich wohl wünschen würde. Denn wenn es keine Struktur gibt, an die genügend betroffene Leute andocken können, dann kommt auch keine »kritische Masse« zusammen, die für die Verbände und Geldgeber die Relevanz begründen. Oder?

      Viele Grüße
      von Guido
    • Hallo Guido,

      das wäre alles wunderbar. Nur: wer soll das bitte leisten? Damit steht und fällt es. Semiprofessionelle Beratungsangebote anzubieten ist fachlich höchst anspruchsvoll, und es wäre schlicht unverantwortlich dass als Laien anzubieten. Beschneidungsbetroffene sind nicht selten in hohem Maße traumatisiert.
      Deswegen richte Deine berechtigte Anmerkung bitte an die professionellen Stellen, die das leisten könnten und müssten.
      Den großen Verbänden ist das Thema allen bekannt. Hier untätig zu sein ist allein eine politische Entscheidung, die ihre eigenen Grundsätze untergräbt.

      Ich habe Dir versucht zu erklären, in welcher Lage dieses Thema in Deutschland steckt. Da gibt's nicht mal eben öffentliche Räume oder gar Stellen.
      Es muss alles in ehrenamtlicher Arbeit geleistet werden. Von Leuten, die teilweise aufgrund ihrer Traumata kaum belastungsfähig sind oder um ihre materielle Existenz kämpfen. Deren Arbeit ist sehr skaliert, alleine schon wegen der unterschiedlichen Belastungsgrenzen.
      Du hast vielleicht keine Vorstellung davon, was alleine schon der jährliche Weltweite Tag der genitalen Selbstbestimmung für ein Kraftakt ist. Musst Du auch nicht haben, aber deswegen sag ich es Dir ;)
      Es ist eigentlich eher ein Wunder, dass es überhaupt so viel gibt. Nein stimmt nicht, kein Wunder, sondern ein Ergebnis von richtig viel Arbeit.

      Bitte melde Dich bei den Vereinen.
      Wenn das noch viel mehr machen, gibt's da irgendwann vielleicht auch mal ein Büro, wöchentliche Runde Tische u.ä.
      Wir müssen wachsen.
    • Hallo Guido,
      vielen Dank für Deine wichtigen Anmerkungen.
      Ich denke, Du sprichst hier genau das Dilemma an, in dem wir uns befinden und im Grunde widersprechen sich Pizarro73s Antworten und die Deinen auch gar nicht.

      Was wir sind, ist wohl eine klassische "grassroot-movement", also eine Bewegung, die von unten entsteht.
      Wir haben keine staatlichen, kommunalen oder anderweitigen "offiziellen" Anlaufstellen. Also müssen wir uns selbst darum kümmern. Eigeninitiative verlangt aber Zeit, auch Geld, Fachwissen, Engagement. Und weil davor viele zurückschrecken - und mangels Kompetenz und Ausbildung oft gar nicht leisten können bzw dürfen, ist das "Laienangebot" sehr beschränkt. Was sich wiederum auf den Druck auswirkt, o.g. offiziellen Angebote zu schaffen.
      Die Katze beißt sich also in den Schwanz.

      Ich kann Dich, guido 4, nur einladen, selbst aktiv zu werden, Dich z.B. bei MOGiS, Intaktiv oder anderen bereits genannten Stellen zu melden und aktiv zu werden. Was natürlich immer auch für jeden anderen Menschen gilt, der sich für unsere Sache interessiert und etwas verändern möchte.
      Es gibt genug zu tun, alles was fehlt ist die flächendeckende Infrastruktur. Also schaffen wir sie eben selbst. Ich würde mich freuen, wenn Du dabei mithelfen würdest!
      Wenn aus Recht Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht! (Bertold Brecht)
      Bräuche und Traditionen können den Menschen an jegliche Abscheulichkeiten gewöhnen (G.B. Shaw)
      Nicht unseren Vorvätern wollen wir trachten uns würdig zu zeigen - nein: unserer Enkelkinder! (Bertha von Suttner)
      tredition.de/autoren/clemens-b…-schnitt-paperback-44889/
    • Die fehlenden Anlaufstellen sind ja auch mit ein Grund aus dem ich meine Daten mehr oder weniger frei zugänglich habe. Ich meine jeder sollte eine Anlaufstelle darstellen der sich in die Materie eingearbeitet hat. Natürlich nur diejenigen die es ohne sich selbst in Gefahr zu bringen zu sehr emotional mitbeteiligt zu werden das leisten können. Vernetzung im Internet ist ein nicht als zu gering zu schätzender Vorteil aber ein direkter Ansprechpartner ist wohl immer besser. Und keine Angst: Faker gibt es kaum, bei mir gerade einmal einer in der ganzen Zeit und die erkennt man sehr schnell. Zu verteilendes Informationsmaterial das man fertig erwerben könnte wäre auch ein Vorteil denn immer 40-50 Seiten ausdrucken geht doch recht ins Geld und auf den Tintenstrahler. Und nur auf Internetseiten verweisen ist auch nicht wiklich praktikabel.Es geht nicht über persönliche Ansprache.
      Alfred
      Die Menschheit war schon immer bereit, Themen im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Wichtigkeit zu diskutieren. Je mehr eine Frage uns alle berührt, umso mehr gilt daher, dass selbst kluge Menschen behaupten, die Frage existiert überhaupt nicht.--Samuel Butler--
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    • Tursiops wrote:

      Zu verteilendes Informationsmaterial das man fertig erwerben könnte
      Es gibt Infomaterial, das verteilen wir immer am WWDOGA. Wer etwas haben möchte kann sich zum Beispiel bei Mogis melden. Denke da lässt sich was machen.
      "Those who cannot remember the past are condemned to repeat it"

      "Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen."


      George Santayana (1863-1952)
    • Vielen Dank an Euch alle für Eure Antworten!

      Ich kann mir vorstellen, wie anstrengend es für die Aktivisten sein muss, sich für das Thema einzusetzen. Alles scheint mir in Deutschland ja auf den Schultern von einer überschaubaren Anzahl von Personen zu lasten: Einige Leute bei Mogis, einige Leute bei Intaktiv, einige in der Betreuung dieses Forums hier, und jeweils ein paar einzelne Akademiker aus den Bereichen Jura, Medizin und Publizistik. Es wäre kein Wunder, wenn diese Leute ob Ihres bewundernswerten Einsatzes so einiges an Kraft aufbieten müssen, um die Last des selbst gestellten Auftrages überhaupt stemmen zu können.

      Nur - wie kann man lokal zu dem Anliegen beitragen und mitmachen? Und zwar so, dass es:
      erstens: mir selber Freude macht,
      zweitens: dass ich es auf eine Weise tue, bei der ich mich mal mehr und mal weniger intensiv einbringen kann,
      und drittens: mich in einem positiven Sinne in Gespräch und Aktivität mit anderen Aktivisten bringt.

      Nach meinem Verständnis sind solche gesellschaftlichen Bewegungen erfolgreich, die eine große Masse von Leuten dazu motivieren können, ein klein wenig mitzumachen. Bei Amnesty könnte ich z.B. einen Nachmittag pro Monat Briefe eintüten, und würde dabei in einem positiven Kontext Menschen treffen, die sich freudig für die Rechte politischer Gefangener engagieren (auch wenn das Thema an sich nicht minder bitter ist). Beim Beschneidungsthema habe ich bisher nichts Vergleichbares finden können.

      Ich schreibe dies hier ja nicht, um mich bei denen, die hier aktiv sind, nun obendrein noch zu beschweren. Ich will nur eine Diskussion dazu anregen, und vielleicht kommen so ja tatsächlich neue Ideen zusammen und neue, reale Impulse!

      Für mich habe ich mir jetzt etwas überlegt, was ich als Einzelperson als kleine Leistung zur Verfügung stellen könnte. Und ich werde damit, wie von Euch vorgeschlagen, auch an die Leute von mogis e.V. herantreten.

      Unabhängig davon freue ich mich, wenn Ihr hier drunter weitere Anregungen zu meiner Frage schreibt:

      Was für Ideen habt Ihr noch, wie man beim Beschneidungsthema niedrigschwellig und in einem positiven Sinne lokal wirksam werden kann?


      Herzliche Grüße von Guido
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      Was jeder machen kann, ist in den "sozialen" Medien Botschaften verteilen. Die Reichweite wächst, doch ein zu Weit verteilen, gibt es dabei wohl eher nicht.

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      Intaktiv, Ent-Hüllt., Unaussprechliche Verstümmelungen, Mogis, Beschneidungsforum, Terre des Femme,

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      es gibt noch viel mehr, dort kann jeder aktiv werden.
      "Those who cannot remember the past are condemned to repeat it"

      "Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen."


      George Santayana (1863-1952)