Religionsfreiheit über alles?

    • Religionsfreiheit über alles?

      Seltsam, dass in den USA, wo man doch so darauf bedacht ist, dass niemand diskriminiert wird man sich nicht daran stört, wenn Jungen wegen ihres Geschlechtes gegenüber Mädchen diskriminiert werden.

      Wenn jemand einen Kuchen nicht backt, weil er meint, dass ihm das seine Religion verbietet wird er verurteilt, wenn jemand ein Kind genital verstümmelt, weil er meint, dass ihm das seine Religion gebietet regt das niemanden auf. (Es sein denn, das Kind ist ein Mädchen - dann bricht die Hölle los)

      Trumps Justizministerium erdreistet sich schon eilfertig, in ein vor dem Supreme Court schwebendem Verfahren einzugreifen:

      Natürlich kann man sich seinen Kuchen auch von hundert anderen Bäckern backen lassen (eine vergleichbare Alternative haben kleine Jungen nicht) aber klar, es geht hier ums Prinzip. Bloß bei der BGM, da lässt man das Prinzip sausen.

      Bei religiösen Lobby-Organisationen gehen offenbar die "wehret-den-Anfängen"-Alarmglocken:


      Arutz Sheva schrieb:

      The brief stated that other western nations have taken or are considering steps in recent years that make it far more difficult for Orthodox Jews to practice their religion, including attempted bans on ritual slaughter and circumcision in several European nations.
      Ein leider gescheiterter Versuch macht Genitalverstümmelung schwieriger?


      “None of these jurisdictions has a Free Exercise Clause," the brief notes. However, the US has such a clause, and “this makes all the difference in the world.”

      Echt nicht?

      Wie schaut er denn aus, der famose Free Exercise Clause?

      Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof....
      So etwas gibt es in anderen Ländern nicht?

      Art. 4 GG schrieb:

      (2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet
      Allerdings, genau wie in den USA, nicht uneingeschränkt.
      Agudath Israel warned that if the Supreme Court upheld the decision "to punish a religious believer because he adhered to his core religious beliefs by refusing to do something that was anathema to him,” then “the foreign bans and proposed bans on ritual circumcision and shechita indicate where we might be going.”
      Dabei hatte der Supreme Court bereits 1878 festgestellt:

      US Supreme Court schrieb:

      The Free Exercise Clause of the First Amendment protects the right to hold any religious belief, but not the right to engage in any religious activity whatsoever.
      Was das "any" angeht ist der Supreme Court allerdings wählerisch.

      Laws are made for the government of actions, and while they cannot interfere with mere religious beliefs and opinions, they may with practices.

      Da Donald Trump gerade durch die Nominierung von Neil Gorsuch für eine 5:4 konservative Mehrheit gesorgt hat könnte es in dem Fall im Sinne von Agudath Israel ausgehen.
      Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt
      (oder ist zu jung um sich zu wehren)
    • Das Wort "Religionsfreiheit" ist ja ein Paradoxon. Im Straßenverkehr gilt die Regel rechts vor links. Wie sollen aber zwei Menschen verschiedenen Glaubens das uneingeschränkte Recht erhalten, ihren Glauben jeweils zu 100% frei ausleben zu können. Das Resultat wären Zusammenstöße am laufenden Band.

      Daher muss selbst ein Gläubiger akzeptieren, dass er einen Heiden nicht mit Gewalt zwangsbekehren darf und der erzkatholische Gläubige muss es im Zweifel ertragen, wenn freitags der Muezzin die Gläubigen zum Gebet ruft. Umgekehrt muss es der Moslem ja auch erdulden, wenn sonntags die Kirchenglocken unüberhörbar zum Gottesdienst läuten.

      Das Zauberwort heißt übrigens Toleranz. Oder mit den Worten Kants ausgedrückt: "Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt." Freiheit kann innerhalb einer friedlichen Gemeinschaft immer nur als Kompromiss existieren. Eine uneingeschränkte Freiheit ist dagegen eine Tyrannei gegen diejenigen, deren Freiheit rücksichtslos mit Gewalt beschnitten wird.

      Die USA ist hier aber angesichts von Hochzeitstorten, die nur für heterosexuelle Paare gebacken werden sollen, bis hin zur Zwangsbeschneidung von Kindern mit vielen andere Gesellschaften vergleichbar, welche zwar auch die humanistischen Werte kennen, aber sie dennoch nur ansatzweise real leben. Auch in Deutschland ist und bleibt Humanismus in vielen Bereichen eine Utopie. Bei der Zwangsbeschneidung werden Kinder daher in fast allen Gesellschaften einfach zu Menschen zweiter Klasse degradiert. Man steht ihnen einfach nicht die gleichen Menschenrechte zu, wie man diese jedem Erwachsenen gewähren würde.

      Ein "Gleichklang" von Religion und Freiheit ist übrigens die freireligiöse Bewegung. Im Gegensatz zur "Religionsfreiheit" kennt sie bereits Toleranz und die Humanität. Anders ausgedrückt können nur menschenverachtende bzw. kinderrechteverachtende Prinzipien wie die Religionsfreiheit als Rechtfertigungsgrund für eine Zwangsbeschneidung vorgeschoben werden.

      Und hier schließt sich auch wieder der Kreis zur Torte. Ein Mensch, der entweder frei in seiner Religion ist oder frei von jeglicher Religion ist, besitzt auch den freien Geist, um für einen Andersgläubigen eine Torte zu backen. Und "freie" Menschen werden einem Kind selbst die Entscheidung darüber überlassen, ob es im Erwachsenenalter seine Vorhaut einer Religion opfern will, die für immer in einer "phallischen Phase" gefangen bleibt. Wer sich also auf die Religionsfreiheit beruft, ist und bleibt ein Gefangener von Dogmen, was ihn dann zur jämmerlichen Marionette einer Religion werden lässt. Oder was bedeutet der Begriff "Komikernation", wenn man mal hinterfragt, wer hier das Heft des Handelns in der Hand behält und wer hier als lächerliche Marionette den § 1631d BGB auf den Weg gebracht hat.
      Der Unterschied zwischen Dogmatikern und Aufklärern besteht bei der Beschneidungsdebatte darin, dass die einen kindliche Vorhäute und die anderen alte Zöpfe abschneiden wollen. (Quelle: NoCut)
    • Man darf schon auf die nächsten Urteile gespannt sein.

      Caterer weigert sich, bei einer "Brit Milah" zu servieren, weil er Genitalverstümmelung ablehnt. Diskriminierung von Juden?

      Hersteller von Cuttern weigert sich an eine Metzgerei-Kette zu liefern, die sich auf "halal"-Fleisch spezialisiert hat, weil er die betäubungslose Schlachtung von Tieren ablehnt. Diskriminierung von Muslimen?
      Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt
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    • Selbstbestimmung schrieb:

      Man darf schon auf die nächsten Urteile gespannt sein.

      Ich glaube, dazu wird es nicht kommen.

      Der heidnische Brauch der Beschneidung wurde durch seine Erwähnung im alten Testament Teil der großen Religionen. Dass Paulus die Beschneidung als verzichtbar bezeichnet hat, bedeutet für "Bibelgläubige" (manche von denen Glauben vermutlich sogar an Gott) ja nicht, dass eine Beschneidung heidnisch sei, obwohl sie dies ja historisch betrachtet in jedem Fall ist.

      Ähnlich sieht es ja auch mit dem Fleisch aus. Nur weil Christen sich nicht an das Schweinefleischverbot halten, wurde dieses ja nicht aus dem alten Testament gestrichen.

      Der Bäcker, der keine Torte für homosexuelle Hochzeitspaare backen wollte, ist ja offenbar ein "orthodoxer Christ". Er steht somit dem Judentum oder sogar dem Islam näher als ein gewöhnlicher Christ. Sicherlich werden orthodoxe Christen auch nicht die Steinigung von Homosexuellen öffentlich fordern, aber ihre Einstellung hierzu ist ja nicht weit von der entfernt, wie man sie aus islamischen Ländern kennt.

      Davon abgesehen gehört dieser Tortenbäcker zu denen, die dran glauben, dass Religion sich auch in die Sexualität zweier Menschen einmischen darf. Religionen, die derart davon besessen sind sogar das Sexualleben ihrer Anhänger zu dominieren, werden doch niemals ein Problem damit haben, wenn Kindern im Rahmen einer Zwangsbeschneidung ein Teil ihrer Sexualität geraubt wird (siehe z.B. katholische Kirche).
      Der Unterschied zwischen Dogmatikern und Aufklärern besteht bei der Beschneidungsdebatte darin, dass die einen kindliche Vorhäute und die anderen alte Zöpfe abschneiden wollen. (Quelle: NoCut)
    • Neu

      Auch in Israel ist die Religionsfreiheit nicht unbegrenzt, und sich aufs Judentum zu berufen nützt dann offenbar auch nichts:

      "We are Jews and therefore will not enlist in the Zionist army"

      Jerusalem Post schrieb:

      Rabbi David Niederman, a liaison for the Central Rabbinical Congress, one of the groups involved in the event, told The Jerusalem Post he views Orthodox military conscription as a violation of religious freedom
      This harassment of freedom of religion, freedom of assembly and speech must stop. We demand this from other countries, so we definitely demand it from a country that calls itself the Jewish state.”

      Times of Israel schrieb:

      Several hundred ultra-Orthodox Jews clashed with police as they demonstrated in Jerusalem on Sunday to protest against a court ruling last week that rejected Knesset legislation deferring the mandatory conscription of Haredim into the Israel Defense Forces.
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