Angepinnt Vortrag des Judaisten Michael Ingber beim Bundesforum Männer, in Berlin am 24.6.2013 (auch als PDF)

    • Vortrag des Judaisten Michael Ingber beim Bundesforum Männer, in Berlin am 24.6.2013 (auch als PDF)

      Berliner Männerforum – Tagung zum Thema Beschneidung, 24. Juni 2013

      Statement von Michael Ingber

      Zuerst möchte ich mich für die Einladung zur Tagung herzlich bedanken. Dafür gibt es auch einen ganz persönlichen Grund. In meinem Leben habe ich einen langen Weg gemacht, und zwar von einer sehr jüdisch-ethnozentrischen Position in meiner Einstellung oder Weltanschauung, zu was ich eine offenere, universelle Weltanschauung nennen würde. Und ich bin noch auf dem Weg…

      Und das ist auch der Grund, warum ich heute die Beschneidung nicht als etwas Gewünschtes sehe und mit meinen Anmerkungen bezüglich der Männlichkeit und Beschneidung die problematischen Seiten vorstellen möchte. Zu dieser Änderung meiner Position bezüglich der Beschneidung bin ich aber erst durch die Vorbereitung auf diese Tagung gekommen. Und deswegen ist das nicht nur eine Gelegenheit, ein Honorar zu bekommen oder Berlin anzuschauen und vielleicht ein paar interessante Leute kennen zu lernen, sondern es hat bei mir auch etwas bewirkt und auch dafür bin ich sehr dankbar.

      Die Beschneidung wird von der großen Mehrheit der Juden als ein zentraler, unentbehrlicher Brauch angesehen, und zwar auf Basis eines grundlegenden biblischen (1. Testament) Gebots. Aber nicht wie andere grundsätzliche Fragen, die in früheren jüdischen Quellen und auch heute lebendig unter Juden diskutiert werden, z.B. ob es überhaupt Gott gibt, welches Geschlecht Gott hat, hätte Gott vielleicht den Menschen lieber nicht erschaffen sollen, ob Homosexuellen RabbinerInnen werden dürfen, u.v.m., bleibt das Hinterfragen des Themas Beschneidung ein Tabu; richtiger gesagt – weil dies zu hinterfragen doch „jüdisch“ wäre – ist die Beschneidung einfach eine Selbstverständlichkeit und meistens kein Thema. Diese Tatsache zeigt wie stark die Gefühle bzgl. dieses alten Ritus sind.
      Aber um die Rolle der Beschneidung im Judentum zu verstehen sollten wir nicht nur den historischen Hintergrund und die religiöse Bedeutung des biblischen Gebotes im 1. Mose 17:10-12 untersuchen. Es ist wichtig, auch die gesellschaftlichen, politischen, psychologischen und individuellen Funktionen unter die Lupe zu bringen – d.h. auch aus anthropologischer Sicht. Wir sollten auch die Auswirkungen der Beschneidung des männlichen Sexorgans erläutern und in allen Fällen fragen, welche Bedürfnisse dadurch erfüllt werden -- und für wen. Diese Fragen scheinen mir auch die Aspekte zu sein, dafür sich diese Tagung interessiert.
      In den vielen Diskussionen wird die Beschneidung religiös, stammverbunden, und/oder medizinisch begründet. Zu überlegen aber wäre, ob es sich hier nicht um ganz andere Fragen handelt, und zwar von Gender und Macht. Dass diese Hypothese den meisten Menschen so fremd zu sein scheint, unterstreicht die Tatsache, dass die Gründe und Ziele von Riten überhaupt selten klar gelegt werden.

      Anthropologisch gesehen, in allen Gesellschaften, die die Beschneidung als verpflichtend betrachten, erfüllt dieser Akt eine Reihe von unausgesprochenen, gesellschaftlichen, politisch tribalen und sexuellen Bedürfnissen. In der Antike zeigte die Bereitschaft des Vaters, seinem Sohn dieses nicht ungefährliche Ritual, das mit einem Messer an seinem empfindlichsten, physisch wie auch symbolisch, Organ ausgeführt wurde, unterziehen zu lassen, die Loyalität zum Stamm, zu der Fortsetzung des Stamms und seiner Kultur. Deshalb fand und findet - ich weiß nicht wie das ist im Islam, ich rede nur vom Judentum -- die Beschneidung in der Öffentlichkeit, mit einer feierlichen Zeremonie statt; dadurch zeigt der Vater der Öffentlichkeit, dass er diesem Stamm loyal ist. Der Vater macht es klar, wie von Frau Brocke auch gesagt, dass er die Fortsetzung dieser Kette der Tradition bejaht.
      Die Beschneidung findet in allen Gesellschaften vor dem Alter der Heirat statt. Dadurch wird in patriarchalischen Gemeinschaften auch der Status des Vaters als absolut festgestellt und deshalb auch als dominierend bestimmt. Der Vater hat noch das Wort. Er entscheidet, was mit dem Sohn passiert. Der Sohn ist noch nicht selbstständig. Es ist meiner Meinung nach sehr wahrscheinlich, dass in diesem Zusammenhang der ödipale Aspekt nicht zu übersehen ist. In der Wissenschaft wird auch angenommen, dass die Beschneidung irgendwie ein Ersatz für das Opfer des Kindes sei -- noch ein archäischer Aspekt, der zu überwinden wäre.
      Gleichzeitig hat dieses Ritual mehrere negative (Aus-) Wirkungen auf Frauen – was natürlich auch mit der Männlichkeit der Männer zu tun hat: Mit diesem Akt wird es den weiblichen Personen der Gemeinschaft klargemacht, dass ein unbeschnittener Mann unrein, weniger Wert ist und deshalb unakzeptabel als Ehemann oder sogar als Stammesmitglied, was die ethnische Stabilität der Gemeinschaft sichert. Beschnitten zu sein bedeutet unter den Juden auch normal – zugehörig und einer von uns -- und gleichzeitig moralisch überlegen zu sein. So funktioniert die Beschneidung als ein wichtiges Element der Gruppenidentität und deren Zusammenhalt.
      Die Beschneidung hat auch im Rahmen der Familie -- mit dem Vater als Hauptfigur -- einen „moralischen“ Zweck. Und hier möchte ich die Meinung von Maimonides, (Hebräisch: Mosche ben Maimon), dem berühmten Rabbi, Arzt und Philosophen des Mittelalters zitieren:
      Was die Beschneidung anbelangt, ist meiner Meinung nach einer der Gründe dafür, der Wunsch eine Verringerung des Geschlechtsverkehres und eine Schwächung des fraglichen Organs zu bewirken, sodass seine Aktivität vermindert sei und das Organ sich in einem Zustand befinde, der so ruhig wie möglich ist. Es wurde angenommen, dass die Beschneidung einen angeborenen Makel vervollkommnet. Dies gab allen die Möglichkeit einen Einwand zu erheben und zu erklären: Wie können natürliche Dinge so fehlerhaft sein, dass sie einer Vervollkommnung von außen bedürfen, wo wir doch wissen, wie nützlich die Vorhaut für dieses Körperglied ist? Tatsächlich wurde dieses Gebot nicht mit der Absicht aufgetragen, einen angeborenen Makel zu vervollkommnen, sondern einen moralischen Makel.
      Der körperliche Schmerz, der diesem Körperteil zugefügt wird, ist der wahre Zweck der Beschneidung. Keine der Körperfunktionen, die für das Überleben des Individuums notwendig sind, wird dadurch geschädigt, auch wird die Fortpflanzung nicht unmöglich gemacht. Aber ausschweifende Begierde und Lust, die über das hinausgeht, was unbedingt gebraucht wird, werden verringert. Die Tatsache, dass die Beschneidung die Fähigkeit zur sexuellen Erregung schwächt und manchmal vielleicht das Vergnügen, ist unbestreitbar. Denn wenn dieses Glied bei der Geburt zum Bluten gebracht und seiner Bedeckung beraubt wurde, wird es zwangsläufig geschwächt. Die Weisen [die Gelehrter und Rabbiner in den Jahrhunderten vor und nach der Zeitwendung], möge ihrer Erinnerung gesegnet sein, haben ausdrücklich erklärt; Es ist schwer für eine Frau, die mit einem unbeschnittenen Mann geschlechtlichen Verkehr hatte, sich von diesem zu trennen. Meiner Meinung nach ist dies der stärkste Grund für die Beschneidung.
      …Der Geschlechtsverkehr soll weder übermäßig vollzogen, noch vollständig abgeschafft werden. Gebot Gott uns nicht und sagte: Seid fruchtbar und mehret euch? Demgemäß wird dieses Organ mittels der Beschneidung entfernt, wird jedoch nicht durch eine Entfernung zerstört. Was natürlich ist, wird gemäß der Natur belassen, aber es werden Maßnahmen gegen Ausschweifungen ergriffen.
      Das heißt: Es war schon damals klar war, was die Beschneidung bedeutet und welche negativen Auswirkungen sie verursacht. Viele von den Fragen die wir heute stellen und auch deren Antworten, hat man schon vor Tausenden von Jahren verstanden. Und wie von dem Arzt Maimonides erklärt, ist die Beschneidung keine kosmetische Behandlung, wie manchmal behauptet wird, sondern eine Entfernung eines Teils des Organs.

      Noch zu der Männlichkeit: Dieses Ritual der Beschneidung und dessen Stellenwert, wie es im Judentum gefeiert werden, dienen der Bestimmung des niedrigeren Status der Frau in solchen Gemeinschaften. Im Judentum ist es streng verboten, Blut zu essen oder zu trinken. Und auch Menstruationsblut wird in der Bibel und der jüdischen Tradition kategorisch und vehement als unrein und spirituell kontaminierend betrachtet. Dieses Verhältnis zur weiblichen Person, ja zur Mutter des Kindes, wird auch in der Zeremonie der Beschneidung selbst klargemacht. Zu dem Sandak --dem Mann, meistens dem Großvater oder jemandem von der Familie oder Freunden, auf dessen Schoß der Säugling während der Beschneidung liegt --, zu diesem Sandak wird das Kind aus den Händen der Mutter gebracht, was aber nicht durch den Vater gemacht werden darf, weil die Mutter so früh nach der (blutigen) Geburt noch unrein ist. Unmittelbarer physischer Kontakt zwischen der Mutter und dem Vater würde nach den Vorschriften den Vater unrein machen und dann muss er zum Ritualbad gehen. Das heißt, die zentrale Bedeutung dieses Rituals, die Betonung der Männlichkeit, bedeutet eigentlich eine Verminderung des Status der Mutter. Aber mit der Beschneidung eines männlichen Kindes, die, wie gesagt, in einer öffentlichen und feierlichen Zeremonie stattfindet, wo das Blut klar zu sehen ist, -- damit gibt es kein Problem. Im Gegenteil, das Blut des männlichen Kindes von der Beschneidung hat eine fast sakrale Bedeutung.

      Die Rabbiner, die das Judentum schon vor 2000 Jahren prägten, waren sich dieser Problematik bewusst. Sie gaben zu und erklärten, dass Frauen, durch ihre Fähigkeit Leben zu schenken und zu ernähren, Gott näher stehen als Männer. Männer, um das Niveau der Spiritualität wie bei den Frauen zu erreichen, müssen einen tiefgreifenden sakralisierenden Akt durchgehen. Und dazu dient die Beschneidung.

      Aber hier ist zu bemerken, dass die Beschneidung, praktiziert von Männern in der Gemeinschaft, gerade diese Funktion der Frau als die lebensschenkende und schützende Person des Säuglings verletzt; die Mutter wird auch nicht gefragt, ob sie dazu bereit ist. Das heißt, das Ritual verstärkt die dominierende Stellung der Männer in der Religion, in der jüdischen religiösen Gemeinschaft.

      Auch das Kind wird am achten Tag seines Lebens nicht gefragt, ob er damit einverstanden ist, dass das bevorstehende, sehr schmerzhafte Ereignis seine künftige Fähigkeit, sexuell erregt zu werden bzw. vollen sexuellen Genuss zu erleben, vermindert werden sollte. Auch er wird zum Opfer der Domination der Männergemeinschaft. Und zum Schluss ist es in diesem Zusammenhang, wie auch schon von Dr. Franz gesagt, wichtig zu überlegen, was das traumatische Erlebnis der Beschneidung bezüglich Themen wie Vertrauen, Angst, Intimität, Sexualität und Beziehung zu den beiden Geschlechtern, sowie auch zu den eigenen Eltern bedeutet. Ich glaube, diese sind alle Aspekte der Beschneidung, die mit der Männlichkeit in der Familie und überhaupt in der Gesellschaft zu tun haben und klare negative Bedeutungen zeigen.

      An dieser Stelle finde ich es nicht unwichtig, einen Schritt weiter, tiefer zu gehen, und zu fragen, was bewegt uns Männer, diesem Gefühl der Dominanz und der Herrschaft so stark und schonungslos nachzujagen. In seinem Buch Eisenhans redet Robert Bly davon, dass „für Männer beherrscht ein namenloser Gott der Pflicht die Oberfläche der Erde; und alle Aktienbörsen, alle Fußballfelder, alle Firmenparkplätze, alle Vorstadtsiedlungen, alle Büros, alle Schießplätze gehören ihm. Dort steht ein Mann ´seinen Mann`, dort baut er sich eine Farm, einen Ruf, ein Imperium auf…Der Drang nach Erfolg ist wie hartnäckiges Zinn.“ Könnten diese Triebe auch die Hartnäckigkeit des Brauches der Beschneidung in so vielen Kulturen mindestens teilweise erklären?

      An einer anderen Stelle behauptet Bly, dass ein Kind eigentlich schutzlos sei und sich gegen eine Verletzung seines Territoriums und das Einbrechen in sein psychisches Haus kaum verteidigen kann. Und „wann immer Eltern die kindliche Souveränität missachten, empfindet das Kind nicht nur Wut, sondern auch Scham“. Das Kind kommt zu dem Schluss, dass es keinen Wert hat, wenn es keine Souveränität hat; so scheint eine solche Missachtung „der überwältigende Beweis für unsere eigene Unzulänglichkeit zu sein.“ Besonders schlimm ist die Überschreitung der sexuellen Grenzen, das Kind „wird starr vor Schreck und verfällt in die zeitlose, versteinerte Bestürzung der Scham.“
      Und ich frage, können wir sicher sein, dass etwas von diesem Schaden nicht der Anteil des Jungen, ja, sogar des Säuglings, bei der Beschneidung sei? Und die Folgen? Wieder nach Bly: „Wenn der Junge älter geworden ist, dreißig oder fünfunddreißig, wird er sich noch immer schutzlos fühlen, und er wird unfähig sein, sich gegen andere Menschen zu verteidigen, die angesichts ihrer eigenen Schutzlosigkeit zornig geworden sind.“ Und schließlich fragt der Autor, ob diese Verletzungen den Jungen nicht daran verhindern, erwachsen zu werden und auch das Weibliche in ihm zu entwickeln. Food for thought!

      Und nun ein paar Anmerkungen zu meinen jüdischen Religionsgenossen:

      Zuerst beziehe ich mich auf ein Statement des Zentralrates der Juden in Deutschland (zentralratdjuden.de/de/article/3731.html)

      1) „Die Beschneidung gehört zum Wesen des Judentums, markiert den Eintritt in die jüdische Gemeinschaft und symbolisiert den Bund zwischen Gott und dem jüdischen Volk. Das Gebot ist für Juden bindend. Nicht nur Brauchtum, sondern ein zentraler Bestandteil der jüdischen Identität. Sie ist von essentieller Bedeutung und konstitutiv für das Judesein.“

      Allgemein und als Erstens ist es wichtig zu betonen, dass das Judentum keine monolithische Religion sei, insbesondere wie sich das Judentum während der Jahrtausende entwickelt hat – und es hat sich immer wieder und sogar teilweise in eine Gegenrichtung zum Grundtext, dem 1. Testament, entwickelt. Und ich rede hier nicht unbedingt von der sog. Liberalisierung oder Reform, sondern von was wir als die normative, ja sogar die orthodoxe Tradition betrachten (auch wenn dies früher kein Begriff war).

      Was ist dann das „Wesen des Judentums“? Wieder – der schon erwähnte größte jüdische Philosoph und Formulierer und Kodifizierer der jüdischen Gesetze Maimonides, hat in seinen 13 Glaubenssätzen des Judentums (die kein verpflichtendes Dogma darstellen, aber doch als die Grundlage des normativen jüdischen Glaubens akzeptiert sind) die Beschneidung nicht erwähnt. Dass die Gesetze eine göttliche Quelle haben hat er doch behauptet, aber wie gesagt, gibt es heute nicht wenig Gesetze aus der Bibel, die die traditionellen Juden entweder ignorieren oder sogar abgeschafft haben. Und im gleichen Zusammenhang kann man fragen, welche Gebote aus der Bibel seien nicht bindend? Die Pflicht, Tieropfer vor Gott zu bringen, ist in der Hebräischen Bibel -- und nicht nur in der Torah, den fünf Büchern Mose – sowie auch weiter im Talmud viel öfter und ausführlicher geboten bzw. behandelt als die Beschneidung – halten wir Juden dieses Gebot ein? (Übrigens, die Lokalisierung der Opfer und der Kultriten nur in Jerusalem war ein Ergebnis politischer Überlegungen von den Königen Hisikiah und Josiah, nicht ein (religiöses) Gebot von Gott.)

      Bzgl. des „Eintritts in die jüdische Gemeinschaft“: Erstens, ein Mensch – Mann oder Frau – ist jüdisch durch die Geburt zu einer Frau, die Jüdin ist, oder durch Konversion; die Beschneidung hat überhaupt nichts damit zu tun. Und beim Anschließen eines Mannes an eine jüdische Gemeinde – was ist sonst mit „Gemeinschaft“ gemeint? – spielt die Tatsache der Beschneidung keine Rolle, es wird nicht kontrolliert bzw. nachgefragt, ob der Mann beschnitten sei.

      Und wie ist die Beschneidung „ein zentraler Bestandteil der jüdischen Identität“? Die eigene jüdische Identität zu überlegen – dies gehört wirklich zur „jüdischen Identität“, und nicht nur in der Moderne, sondern seitdem Juden – und davor die Israeliten – in Kontakt mit anderen Kulturen gekommen sind. Aber welchem jüdischen Mann ist es in den Sinne gekommen, als er sich mit dieser Frage beschäftigt(e), die Hose runterzuziehen und sein beschnittenes Glied anzuschauen – und davon eine Bestätigung bzw. eine Stärkung seiner jüdischen Identität zu bekommen?

      Weiter in diesem Statement des Zentralrates ist die Rede vom Yom Kippur, dem Tag der Versöhnung, dem wichtigsten, heiligsten Tag des jüdischen Jahres. Wird die Beschneidung in der sehr langen, ausführlichen Liturgie dieses Tages erwähnt? Die Antwort ist ja, und zwar mehrmals -- aber von welcher Beschneidung ist die Rede? Nicht um den körperlichen Akt geht es, sondern man betet immer wieder dafür, dass Gott – und wir selbst – unsere Herzen beschneidet/en, auf Basis des Gebotes in Deuteronomium, dem 5. Buch Moses (10,16-19): „Ihr sollt die Vorhaut eures Herzens beschneiden und nicht länger halsstarrig sein…und ihr sollt die Fremden lieben …“ (Und ich wage es, hier anzumerken, dass diese Art der Beschneidung ein viel bedeutenderes Merkmal einer jüdischen Identität wäre, als ein Zeichen auf dem Körper, das sowie so von der äußeren Welt nicht bemerkt wird!).

      Weiter steht es im Statement des Zentralrates:

      2) „Die Beschneidung gilt als eines der wichtigsten Gebote des Judentums und hebt selbst die Gebote der höchsten jüdischen Feiertage Schabbat und Yom Kippur aus, an denen bestimmten Tätigkeiten nicht durchgeführt werden dürfen. Die Abschaffung der Beschneidung ist im Judentum unter keinen Umständen denkbar… Die Beschneidung ist jedoch ein unumstößliches Gebot im Judentum.“

      Ich denke, meine Anmerkungen zum ersten Absatz des Statements sind auch eine Antwort auf diese Behauptungen. Dazu: Welche Gebote die wichtigsten im Judentum sind, kann man lang diskutieren. Aber erstens, keine Gebote der genannten Feiertage werden aufgehoben, um die Beschneidung zu durchführen: Ein Stuck Fleisch mit einem Messer zu schneiden ist an diesen Tagen nirgendwo verboten: Damals fanden auch – eigentlich besonders – an diesen Feiertagen am Heiligtum in Jerusalem die oben erwähnten Tieropfer regelmäßig statt; und an den feierlichen Mahlzeiten des Schabbats ein Stückfleisch zu essen ist ein gewöhnlicher, ja auch fast (Pflicht-) Genuss. Und zweitens, die Verletzung wichtiger Gebote an diesen Feiertagen, wie z.B. des Verbots des Arbeitens und Fahrens und viel mehr, um ein menschliches Leben zu retten, ist erlaubt, ja sogar Pflicht (und ähnlich: Das Fasten am Yom Kippur ist verboten, wenn es für die Gesundheit schädlich sein könnte). Dies sagt viel mehr über die Prioritäten des Judentums als die Pflicht, die Beschneidung zu durchführen. Und zum Schluss in diesem Zusammenhang, wieder eine Tatsache zu betonen: Es gibt eine ganze Reihe von biblischen Geboten, die nicht eingehalten werden, von denen man aber bei deren Abschaffung die Begriffe „undenkbar“, „unumstößliches“ u. ä. benutzt hat.

      Folgend sind Äußerungen des Oberrabbiners Wien, Paul Chaim Eisenberg (in einem Interview mit der Wiener Zeitung DER STANDARD), die eine ähnliche Argumentation zeigen:
      (derstandard.at/1371171073636/I…ja-der-Oberjud-oder-nicht)

      3) STANDARD: Was halten Sie dem Argument, die Unversehrtheit des Kindes müsse im Mittelpunkt stehen, entgegen?
      Es ist nicht leicht, so ein Argument wegzuwischen, aber es gibt auch fundierte wissenschaftliche Meinungen, die sagen, Beschneidung fördert die spätere Gesundheit des Mannes. Wir haben eine tausendjährige Tradition. Das ist das erste Gebot, das in der Bibel steht. Das wird für uns nicht antastbar sein. Das geht so weit, dass Menschen das Land verlassen würden, so es verboten wird.

      STANDARD: Gibt es einen Ausweg?

      Eisenberg: Ich kann nicht mit jemandem diskutieren, der mir sagt, dass sich das 20 Jahre später negativ auf die Sexualität auswirkt. Dagegen spricht auch schon die große Anzahl der Kinder von den vielen sehr religiösen Menschen. Ich weiß, dass das ein kleiner Eingriff ist, der schnell heilt. Wir sind bereit, auf den Gebieten der Hygiene, der medizinischen Versorgung und auch der Minimierung des Schmerzes sehr weit zu gehen. Aber wir können nicht sagen, dass wir nicht mehr beschneiden.

      STANDARD: Fehlt also nur das Wissen in dieser Debatte?

      Eisenberg: Nein, es entstand durch eine generelle Debatte zwischen Religion und sehr stark säkularisierten bis antireligiösen Strömungen. Wir haben uns an die Gesetze Gottes in der Bibel zu halten.

      Weil die Argumentation z. T. ähnlich wie im Statement des Zentralrates ist, brauche ich den größten Teil meiner Anmerkungen nicht wiederzuholen.
      Eingehend möchte ich aber auf das Folgende hinweisen: Erstens, dass die Beschneidung die spätere Gesundheit des Mannes fördert, ist heute umstritten; aber auch wenn diese Behauptung der Wahrheit entspricht, ist sie kein akzeptables Argument für die Beschneidung – auf jeden Fall nicht aus religiösen Gründen und nicht als ein religiöses Ritual. Zweitens, und hier wiederhole ich – die Altertümlichkeit eines Gebotes bzw. seiner Quelle, und sein Platz in der Sammlung, die wir die Bibel nennen, ist kein legitimes Argument an sich. Die Zehn Gebote, z.B., kommen viel später in der Bibel vor als das Gebot der Beschneidung – sind sie deswegen weniger wichtig bzw. leichter abzuschaffen oder zu ignorieren? Tradition ist auch m.E. wichtig, sie sollte aber nicht als Absolutheit angenommen werden.

      Was die Auswirkung der Beschneidung auf Sexualität und deren medizinischen Ernst betrifft – auf diese Ebene bin ich kein Experte, erst jetzt, durch die Vorbereitung für diese Tagung habe ich mich mit diesen Themen gründlich auseinandergesetzt. Aber hinsichtlich was ich gelernt habe und was heute hier von Prof. Dr. Franz und anderen vorgelegt wurde, scheint es mir nicht seriös, die Fragen so leicht abzuweisen.

      Und zu der letzten Antwort des Rabbiners: Zu behaupten, „wir haben uns an die Gesetze Gottes in der Bibel zu halten“ macht die Tür auf für sehr problematische Schlussfolgerungen – ohne die Tatsache in Betracht zu ziehen, dass schon innerhalb) der Bibel selbst es „Konfrontationen“ zwischen Gesetzen gibt und dass die zwei Tausendjahre der nach-biblischen Geschichte des Judentums ganz klar zeigen, dass große Gelehrter und Rabbiner bereit waren, die Tradition den gesellschaftlichen Änderungen stets anzupassen. Dass es heute so schwierig ist, solche Änderungen zu machen, hat mit der Angst der Rabbiner, sich mit der Moderne auseinanderzusetzen, zu tun: Im Klartext gesagt, es fehlt der Mut, solche Schritte zu nehmen und die jüdische Öffentlichkeit entsprechend zu erziehen. Meiner Meinung nach ist die Frage des rituellen Schlachtens ähnlicher Natur – und mit allem Respekt, wahrscheinlich bei beiden Religionen.

      Und schließlich: Ich denke nicht, dass die „Beschneidungs-Debatte [nur] zwischen Religion und sehr stark säkularisierten bis antireligiösen Strömungen ist. Man kann auch behaupten, dass die Beschneidung auch gegen biblisch-jüdische Gesetze/Vorschriften stößt. Z. B., wir lesen in Levitikus (3. Buch Mose), 19,28: „…ihr dürft euch keine Zeichen einritzen lassen. Ich bin der Herr.“ Dieses Gebot wird gewöhnlicher Weise als gegen Tätowierung interpretiert (mit der Begründung, diese haben die Heiden als rituellen Brauch ausgeübt). Aber ist die Beschneidung nicht auch eine Verletzung des von Gott gegebenen Körpers, den wir zu pflegen haben (nach moderneren jüdisch-religiösen Begründungen)? Und was ist mit dem Verbot in den biblisch-rabbinischen Noachidischen Gesetzen, die als universelle – d.h. für die ganze Menschheit -- ethische Grundlage dienen sollten, und zwar das Verbot gegen das Abschlachten eines Organs von einem lebendigen Tier? Wäre eine ähnliche Vermeidung der Grausamkeit bei den (kleinen) Menschen, deren physisches sowie psychisches Leiden wir kaum einschätzen können, nicht angesagt?
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      • Die Vorhaut kann mit einer Rosenknospe verglichen werden. Wie eine Rosenknospe wird sie erst blühen, wenn die Zeit gekommen ist. Niemand öffnet eine Rosenknospe, um sie zum Blühen zu bringen (Dr. med. H. L. Tan).
      • Alle Wahrheit verläuft in drei Stadien: Im ersten wird sie verlacht. Im zweiten wird sie vehement bekämpft. Im dritten wird sie als selbstverständlich anerkannt (Arthur Schopenhauer).
      • Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt (Thomas Mann)
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      bundesforum-maenner.de/2017/05…-beschneidung-von-jungen/
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