Angepinnt Weiterer Bericht über die Dialogtagung "Beschneidung von Jungen" beim Bundesforum Männer

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    • Weiterer Bericht über die Dialogtagung "Beschneidung von Jungen" beim Bundesforum Männer

      Es folgt der Bericht von Pizzaro73 und mir.



      Martin Rosowski leistete einen Impulsvortrag, in der er die Debatte resümierte. Ich hebe mir meine abschließende Würdigung seines Vortrags auf, bis ich ihn vorliegen habe. Sehr enttäuschend fand ich an Ende die Feststellung die "Rechtssicherheit" sei hergestellt. Damit positioniert er sich vorerst eindeutig im Lager der Befürworter, die die Widersprüchlichkeiten in 1631d nicht sehen (wollen) und die Rechtssicherheit der Kinder geringschätzen. Das war ein katastrophaler Schlussatz, dem jegliche Neutralität fehlt, denn Martin Rosowksi hat sicher die neueerlichen Strafrechtskommentare gelesen...



      Es folgte Dr. Edna Brocke, eine sympatisch anmutende Wissenschaftlerin der Judaistik, die sehr gut herausstellte, dass das Judentum ein Binom darstellt von Religion einerseits, jedoch auch von kultureller Gemeinschaft. So versteht sich, dass Beschneidung, kosher Essen usw. auch von nichtreligiösen Juden als identitätsstiftend empfunden werden. Sie führte weiter aus, wie während der Diaspora u.a. die Beschneidung, so unterschiedlich die einzelnen jüdischen Gesellschaftsgruppen um das Mittelmeer herum sich auch entwickelten, die Beschneidung sich am Ende doch als einer der kleinsten gemeinsamen Nenner herausstellte. Mithin sei die Beschneidung das, was die Traditionskette weiterschmiede. Der Neugeborene verlängert die "Kette der Tradition" um ein weiteres Glied (um sein Glied?).

      Als Sie dann aber davon sprach, dass bei der Beschneidung nur etwas durchtrennt werde, da wurde ich innerlich richtig sauer. 800km zu reisen um solch eine Gegenwahrheit zu hören, nach einem Jahr Debatte, in der auch diese Aspekte mehr als ausreichend beleuchtet wurden, das ärgerte mich sehr. Ich fragte mich sodann, ob das Judentum in D keine sachkundigere Person stellen konnte oder es nicht wollte.

      Matthias Franz hielt einen absolut brillanten Vortrag, in dem er detailliert die Dafür-Argumentation demontierte, aber auch die Argumente der Gegenseite stützte: die Beschneidung sei keine harmlose Sache, ganz im Gegenteil, sei sie für viele Störungen verantwortlich, die er schonungslos genau im Einzelnen schilderte.
      Etwa später am Nachmittag kam es zu einer Situation, die man ihm - ist man böswillig - als polemischen Ausrutscher anlasten könnte. Das war es aber nicht, weil er mit seinem Hinweis auf Vorhautsammelde Mohelim, nur untersctreichen wollte, dass mitnichten etwas durchtrennt werde, sondern eben die Vorhaut abgeschnitten wird, und zwar vollständig..


      Unser Alex war seiner gleich: einfach gut, überzeugend, glaubwürdig und so unspektakulär, dass sich ihm die Herzen der meisten Teilnehmer öffneten. In der Folge kam er leider kaum mehr zu Wort.

      Das sog. Werkstattgespräch, war im Grunde eine Podiumsdiskussion zwischen den beiden Akademikern, flankiert duch Alexander und einem jungen Mann, Serdan Arslan, ein Abiturient, der sich nun anschickt VWL und Geschichte zu studieren. Er ist aktiv bei der SPD und stellt sich (wahrscheinlich dort) eine politische Zukunft vor. Den Opfern der Beschneidung hält er die Beschnittenen entgegen, die alleine aufgrund der Wortwahl in der Debatte sich stigmatisiert fühlten, weil man sie als reduzierte Männer bezeichnet (genitalverstümmelt).
      Serdan Arslan betonte übrigens, dass er insofern die Debatte unausgewogen fand, als die Medien von Berichten und Interviews Betroffener überquollen. Sinngemäß sagte er man habe das Fernsehen nicht einschalten können, ohne davon reizüberflutet zu werden. Er und Elhakam Sukhni, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für islamische Theologie Osnabrück und junger Familienvater, der später zu Wort kam, versicherten uns glaubhaft, ihre Sexualität zu geniessen.

      Deutlich zu spüren beider Widerstand, eine eigene defizitäre Sexualität trotz der Fakten, die eine VA schafft, überhaupt für möglich zu halten (diesen Widerstand auf positive Weise ins Wanken zu bringen dürfte eine unserer wichtigsten Aufgaben sein).

      Hingegen forderte Herr Sukhni Studien ein, bei der Erwähnung solcher entgegnete er dann, dazu gäbe es auch gegenteilige Studien und deshalb interessierten ihn diese nicht. Gleichwohl nannte er die Auvert-Studien in Sachen AIDS, die - wie wir wissen - von der WHO ihren Glaubwürdigkeitskredit erhalten hat.
      Auch er hatte seinen Ausrutscher, den er später etwas zurücknahm, als er von "Kulturrassismus" sprach.



      Während dieses Werkstattgesprächs kam es zu einer – ich will mal sagen – Reaktion der Hilflosigkeit seitens von Dr. Edna Brocke: Sie sprach Matthias Franz an, mit den Worten „what makes you run?“ womit Sie meinte, dass außer den vordergründigen ins Felde geführten Menschenrechten, irgendetwas existieren muss, dass Intaktivisten antreibe. Schade, aber auch bezeichnend, denn gleich zu Beginn hatte sie zum Besten gegeben, dass die Beschneidung ja das „Durchtrennen von etwas sei - das, wovon Alex widerfahren ist, sei ihres Wissens nicht jüdischer Brauch.

      Sie wurde aus dem Publikum aufgeklärt, was der Unterschied zwischen Periah und Milah ist, und das war ein wirklicher peinlicher Moment. Protagonisten der Debatte wie Deusel und Goldberg waren ihr unbekannt.
      Hier zeigt sich, dass selbst im Judentum wenig darüber geredet wird, und auch intelligente und gelehrte Menschen im Detail nicht wissen, was da wirklich passiert. Ich halte ihr mal zugute, dass Sie bei Beschneidungen in der dritten Reihe gestanden haben muss, um nicht zu wissen, was bei einer jüdischen Beschneidung wirklich passiert.

      Eventuell will man das auch nicht so genau wissen, weil es dann schwierig wird diese Praxis weiter zu verteidigen. Lieber geht man der eigenen Empathie aus dem Weg.
      Wir sind also auf dem richtigen Weg, wenn wir weiter Aufklärung betreiben. Jede jüdische Frau sollte genau wissen, was auf ihren Sohn zukommt.


      Dr. Andreas Ruffing, Leiter der Kirchlichen Arbeitsstelle für Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen Diözesen, ist (noch) pro Erlaubnis der Beschneidung von Jungen eingestellt, er erklärte aber, dass der Spielraum für seine positive Einstellung zur Beschneidung sich im Zeitverlauf umgekehrt proportional zu seinem wachsenden Informationsstand entwickelt…


      Hans-Joachim Lenz, von dem ich hier schon berichtete (Gewalt gegen Männer) hing das Thema deutlich höher auf und deutete an, dass in dieser Gesellschaft über vieles gesprochen werden müsse. Es gäbe eben offene und verdeckte Arten von Gewalt gegen Männer. Er schien anzudeuten, dass Beschneidung dazu gehört, sonst hätte man ihn wohl nicht eingeladen. Während der Mannwerdung würden Jungen einigen Traditionen unterzogen, die hinterfragt werden müssten.


      Michael Ingber, Judaist, Lehrbeauftragter an diversen Universitäten war die große Überraschung des Tages. Er hatte sich zuvor noch nie mit dem Thema beschäftigt, sondern erst während seiner Vorbereitung auf diesen Tag. Und alleine diese Vorbereitung ließ ihn zum Gegner dieser Praxis werden. Ich hoffe die Niederschrift seiner Ansprache hier nachposten zu können. Es war ein atemberaubender und erhebender Moment. Jetzt frage ich mich allerdings … what makes him run? Denn er ist Jude und beschnitten. Die Souveränität dieses Mannes, trotz eigener Betroffenenheit und Verursacher der Beschneidung seines Sohnes, sich derart offen heutigen Informationen zu stellen, hat uns tief beeindruckt. Es geht also doch! Intellektuelle Redlichkeit, Empathie und Offenheit sind der Schlüssel.



      Meine Schlussfolgerung: Die Repräsentanten des Judentums in Deutschland haben am 12.12.12 bekommen, was sie wollen und glauben nun die Debatte durch Verweigerung ersticken zu können.
      Trotz intensives Bemühens von Seiten des Bundesforums war offensichtlich kein fachkundiger jüdischer Vertreter bereit, sich auf solches, natürlich schon von der Ausrichtung des Institutes her, kritisches Terrain zu begeben.
      Dies ist insofern bemerkenswert, hatte doch Stephan Kramer im letzten Jahr den Mangel an seriösen Gesprächspartnern beklagt - nur wäre in diesem Forum die von ihm propagierte Nichtverhandelbarkeit der Beschneidung an sich und des Zeitpunktes eben nicht nur auf die übliche Pseudomenschenrechtssosse von uns irrlichternden Projektionsträgern, sondern sogar auf entschieden sachlich theologischen Widerstand aus der eigenen Communitiy gestoßen.


      Diese Veranstaltung bedeutete einen echten Fortschritt in der Debatte.

      Erstmals war eine Tagung wenigstens einigermaßen ausgewogen besetzt.

      Desweiteren waren viele TeilnehmerInnen unentschlossene, die sich informieren wollten.

      Alleine schon ein katholischer Vertreter, der zugibt, seine Zustimmung bekäme mehr und mehr Risse - das macht wirklich Hoffnung und muss uns Antrieb sein.


      Die Veranstaltung vermittelte, dass die Debatte voll im Fluß ist und lebt!


      Wir bleiben am Ball - mit der bewährten aber immer wieder im Detail kritisch zu überprüfenden Mischung aus persönlicher Schilderung und fundierter, aktueller Faktenlage.
      • Die Vorhaut kann mit einer Rosenknospe verglichen werden. Wie eine Rosenknospe wird sie erst blühen, wenn die Zeit gekommen ist. Niemand öffnet eine Rosenknospe, um sie zum Blühen zu bringen (Dr. med. H. L. Tan).
      • Alle Wahrheit verläuft in drei Stadien: Im ersten wird sie verlacht. Im zweiten wird sie vehement bekämpft. Im dritten wird sie als selbstverständlich anerkannt (Arthur Schopenhauer).
      • Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt (Thomas Mann)
    • hier übrigens die Stellungnahme des Bundesforum Männer vom 21.12.2012

      • Die Vorhaut kann mit einer Rosenknospe verglichen werden. Wie eine Rosenknospe wird sie erst blühen, wenn die Zeit gekommen ist. Niemand öffnet eine Rosenknospe, um sie zum Blühen zu bringen (Dr. med. H. L. Tan).
      • Alle Wahrheit verläuft in drei Stadien: Im ersten wird sie verlacht. Im zweiten wird sie vehement bekämpft. Im dritten wird sie als selbstverständlich anerkannt (Arthur Schopenhauer).
      • Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt (Thomas Mann)
    • Ich bedanke mich für Euren ausführlichen Bericht!

      Eurer Einschätzung von Frau Brocke kann ich nicht ganz folgen. Frau Brocke ist eine ausgewiesenen Vertreterin und Kennerin des Judentums, die unterschiedliche Funktionen wahrgenommen hat und dafür mehrere Auszeichnungen erhalten hat. Und eine solche Fachfrau, die selbstverständlich die Bedeutung der Beschneidung für das Judentum kennt und mit Sicherheit die Beschneidungsdebatte, die angeblich die Existenz des Judentums in Europa infrage stellt, verfolgt hat, soll sich nicht mit den "technischen Details" auskennen? Und gesehen hat sie den Penis eines jüdischen Mannes auch noch nie? Das alles scheint mir dann doch ziemlich unglaubwürdig. So etwa, wie wenn jemand einen Vortrag über den Volkswagen hält und am Schluss vom Publikum darüber aufgeklärt wird, dass es sich um ein Auto hält.
      "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.
    • Maria Werner schrieb:

      Sag mal werner, diese Geschichte mit dem Rabbi, der Vorhäute aufbewahrt, war da nicht was dran? Gab's das mal oder ist das ein Gerücht?
      Im Netz findet man das nur in Form von Witzen. ("Die Vorhäute sammeln und dem Schöpfer zurückschicken..."). Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass Prof. Franz darauf reingefallen ist. Man müsste ihn also selbst fragen.
      "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.
    • Mr. Cohn, a Holocaust survivor and retired real estate developer who lives on Staten Island, has written a textbook on circumcision. He said he had trained some 80 mohels over the years. After each circumcision, he places the thimble-size foreskin in a small jar of sand and ground cloves that he carries. He wants one day to be buried with the jars at the Mount of Olives in Israel, where Jewish tradition says the Messiah will arrive.


      nytimes.com/2012/09/13/nyregio….html?pagewanted=all&_r=0
      Gruß
      Hickhack
    • werner schrieb:

      Eurer Einschätzung von Frau Brocke kann ich nicht ganz folgen.


      Dann verschärfe ich mal meine Einschätzung :

      Entweder weiss sie es und lügt bewusst oder Sie weiss es nicht, hält aber Vorträge über das Thema und preist die Harmlosigkeit der jüdischen Beschneidung an, im vergleich zur muslimischen Beschneidung, was ich übrigens deloyal fand, gegenüber einem Partner in der Debatte.
      Und wenn sie es nach einem Jahr Debatte immer noch nicht weiss, dann ist das ein Armutszeugnis für eine Wissenschaftlerin.

      Die Vorhaut wird an der Spitze gekappt. Ab da hat Frau Brocker weggeschaut, vielleicht ist sie auch ohnmächtig geworden.
      Das Ablösen der Vorhaut von der Eichel und das Zurückstutzen beider Vorhautblätter bis an den Eichelkranz das hat sie nicht mitbekommen.

      Aber Kramer hat ja bei Teichtals Beschneidung auch nicht mitbekommen, was lief.

      Werner, folgst du mir? Ich überlasse dir die Wahl, der Schlussfolgerung.
      • Die Vorhaut kann mit einer Rosenknospe verglichen werden. Wie eine Rosenknospe wird sie erst blühen, wenn die Zeit gekommen ist. Niemand öffnet eine Rosenknospe, um sie zum Blühen zu bringen (Dr. med. H. L. Tan).
      • Alle Wahrheit verläuft in drei Stadien: Im ersten wird sie verlacht. Im zweiten wird sie vehement bekämpft. Im dritten wird sie als selbstverständlich anerkannt (Arthur Schopenhauer).
      • Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt (Thomas Mann)
    • Hier mein Bericht:

      Die Tagung begann mit einer Einleitung von Herrn Martin Rosowski, in der die Problematik des Themas und die politische Brisanz erläutert wurden.

      Im ersten Impulsgespräch schilderte Frau Dr. Edna Brocke die Bedeutung der Beschneidung für die jüdische Religion und das jüdische Volk. Besonderen Wert legte sie dabei auf die binome Lebensweise der Juden, die die Bedeutung von jüdischen Ritualen auch für säkulare Juden erklären sollte. Dabei versäumte es Frau Brocke jedoch, sich über den physiologischen Charakter der Beschneidung zu informieren. So wusste sie wenig über die Auswirkungen der Beschneidung auf den Mann, konnte nicht einmal sagen, was bei einer Beschneidung überhaupt weggeschnitten wird. Ein trauriges Ergebnis, bedenkt man, dass zu diesem Zeitpunkt die Debatte bereits seit einem Jahr tobte und sie sich in dieser Zeit mehrmals öffentlich für die Beschneidung urteilsunfähiger Jungen ausgesprochen hatte. Vor der Diskussion sprachen wir über verschiedene jüdische Riten/Regeln der Beschneidung, so beispielsweise auch die Betäubung. Frau Brocke war der Ansicht, das der Staat keine Legitimation hat, jüdische Bräuche in irgend einer Weise zu regulieren. Weder Recht, noch Verfassung hätten für die Juden in Deutschland Gültigkeit. So sei es dem Staat auch verboten, eine Betäubung während der Beschneidung zu fordern. Die Begründung war, dass während des Dritten Reiches Ärzte und Anwälte im Namen der Medizin und der Justiz gegen Juden agiert und somit bis heute jeden Anspruch auf Kritik gegen jüdische Bräuche verloren haben. Frau Brockes sehr konservatives Wertebild trägt auch nicht zum Verständnis von Kinderrechten bei. Alte, religiös moralische Vorstellungen seien neuen, modernen gesellschaftlichen Moralvorstellungen vorzuziehen, weil sie sich schon viel länger bewährt hätten. Der Fall des vierjährigen muslimischen Jungen, der die Diskussion um die Beschneidung von den medizinischen und juristischen Fakultäten an die Öffentlichkeit brachte, war auch kein Grund zum Umdenken. Obwohl die Komplikationen viel gravierender waren als allgemein bekannt, gab es für Frau Brocke keinen Grund zur Kritik, denn der Junge hatte ja überlebt und trüge keine gravierenden Folgeschäden davon. Schmerzen und Leid des Kindes seien für den elterlichen Wunsch auf Beschneidung hinnehmbar. Für mich machte es den Eindruck, als sei Kritik nicht erwünscht, auch wenn sie begründet ist. So sei Prof. Holm Putzke, dessen Abhandlung zur Beschneidung -2008- den Anstoß zur juristischen Diskussion brachte, von antisemitischen Gefühlen getrieben. Frau Brocke begann ihren Vortrag mit den Worten, dass sie weder für noch gegen Beschneidung sei, sondern es den Eltern selbst überlassen wolle. Dass sie jedoch auf jedes negative Argument, egal wie begründet oder wissenschaftlich fundiert, mit energischem Kopfschütteln reagierte, erzählt eine andere Geschichte.
      Die Gegendarstellung von Herrn [font='&quot']Prof. Matthias Franz übte scharfe Kritik an der Beschneidung und der Art der Diskussion, in der argumentiert wurde. Er widerlegte die Argumente der Befürworter und stütze die der Gegner mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. So stellte er die Beschneidung als den schädlichen Eingriff mit gravierenden Langzeitfolgen und ohne nennenswerte positive Effekte dar, der er ist. Dabei belegte er jeden der genannten medizinischen und psychologischen Effekte.[/font]

      Das daraufhin geführte Werkstattgespräch zwischen Edna Brocke, Matthias Franz, Serdar Arslan und mir sollte den Betroffenen der Beschneidung eine Möglichkeit der Stellungnahme bieten.
      So begann Herr Arslan mit einem Bericht, in dem er schilderte, dass die Stigmatisierung der Beschnittenen zu verstümmelten Opfern bei ihm und vielen anderen auf großes Unverständnis stößt. Der Großteil der Beschnittenen empfände sich nicht als Opfer, sondern sei mit seiner Beschneidung zufrieden, zumindest jedoch neutral eingestellt. Das Anhören der unglücklichen Betroffenen in den Medien und die getroffene Wortwahl würden ein falsches Bild auf die Beschneidung werfen, in der doch nur eine Minderheit mit dem Eingriff unzufrieden sei. Es sei jedoch nicht möglich gewesen, den Fernseher einzuschalten, ohne einen unglücklich Beschnittenen zu sehen.
      Darauf folgend erklärte ich die Situation der negativ Betroffenen und die Probleme und Wünsche,
      die sie haben. In einer Anmerkung wies ich Frau Brocke darauf hin, dass die Beschneidung generell, aber auch im Judentum oft mehr ist, als der verhältnismäßig kleine Eingriff der Brit Milah, den sie als einzige jüdische Beschneidung darstellte.
      Von diesem Zeitpunkt an wurde nur noch über jüdische Riten gestritten. Frau Brocke und Herr Franz nahmen die Mikrophone in die Hand und beschuldigten sich gegenseitig diverser Dinge. Bedenkt man, dass im Jahr 2011 insgesamt 104 jüdischen Beschneidungen stattfanden und ca. 12.000 nicht jüdische, hätte ich mir einen weniger großen Schwerpunkt auf das Judentum gewünscht.

      Nach der Mittagspause begann eine psychologische Übung zum tieferen Verständnis der Gegenseite. Dabei wurde der Fokus nicht auf die eigentliche Aussage, sondern auf die gefühlsmäßige Wahrnehmung der Argumente gelegt. Der sogenannte Perspektivwechsel fand im Zweigespräch statt, mein Partner war Dr. Andreas Ruffing, Leiter der Kirchlichen Arbeitsstelle für Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen Diözesen. Es war für mich eine interessante Erfahrung, da jedoch aus Zeitgründen nur eine Seite ihre Gefühle ausdrücken konnte, nämlich ich, und ich mir über meine Gefühlslage sehr bewusst bin, habe ich nicht viel Neues aus der Übung mitnehmen können.

      Während der nächsten Podiumsdiskussion sprachen Michael Ingber, Hans-Joachim Lenz, Dr. Andreas Ruffing und Elhakam Sukhni.
      Herr Ruffing berichtete über seine Forschungsarbeiten zum Thema Gewalt im Alten Testament und seine Wahrnehmung zur Beschneidung als diese. So kommt er zu dem Schluss, dass die Beschneidung einwilligungsunfähiger Jungen nicht als Gewalt betrachtet werden kann, weshalb er die Meinung vertritt, die Beschneidung legal zu belassen. Jedoch äußerte er auch wachsende Skepsis.
      Dagegen hielt Herrn Lenz einen Vortrag zu Gewalt gegen Männer in der modernen Gesellschaft. Für ihn sind Initiationsriten, zu der er auch die Beschneidung zählt, kritisch zu betrachten.
      Herr Sukhni beschrieb die Beschneidung und deren Bedeutung aus muslimischer Sicht. Die Debatte zur Beschneidung empfinden muslimische Gemeinden als koloniale Bevormundung. Der weiße und mächtige Europäer müsse seine Werte den Wilden aus einem fernen Land aufdrängen. Er bat um mehr Toleranz und Verständnis für fremde Kulturen. In einem Gespräch während der Mittagspause zeigte er Kompromissbereitschaft und Empathie gegenüber Beschnittenen. Er war interessiert an den Problemen die negativ Betroffene äußern und forderte Forschung und Aufklärung in diese Richtung. In einem Verbot der Beschneidung sehe er jedoch keinen Vorteil für die Kinder, da die Beschneidung trotz eines Verbotes weiter praktiziert würde. Er sprach sich jedoch für ein Verbot besonders schädlicher Beschneidungsstile aus.

      Herr Ingber, der sich noch nie mit dem Thema beschäftigt hatte, gab an, alleine durch die Vorbereitung zur Tagung zum Gegner der Beschneidung geworden zu sein. Er sprach von der Entwicklung der jüdischen Beschneidung und zitierte einige Rabbiner zum Thema Beschneidung und Sexualität. Dabei kam er zu dem Schluss, dass die Debatte zur Beschneidung geführt werden müsse.

      Für mich war die Tagung sehr spannend, da ich zum ersten Mal die Chance hatte, mich mit jüdischen und muslimischen Vertretern zu unterhalten. Bis dahin empfand ich die Diskussion als rhetorische Schlacht, in der mit Totschlagargumenten versucht wird, die Gegenseite zu diffamieren. Es ging in der Vergangenheit nicht darum, eine schlechte Situation zu verbessern, sondern darum eine Diskussion zu gewinnen um ein Gesetz zu erhalten. Es würde mich sehr freuen, wenn sich Beschneidungsbefürworter und Gegner zukünftig öfter treffen könnten, um konstruktiv und ausgewogen über das Thema Beschneidung zu sprechen. Diese Bitte richte ich vor allem auch an die jüdische Seite. Ich habe das Gefühl, dass die Angst vor einem Verbot jüdische Vertreter abschreckt, sich unschönen Dingen und berechtigter Kritik an der Beschneidung zu stellen, seien es Schmerz, sexuelle Einschränkungen, nicht erfüllte medizinische Standards oder der Dialog mit negativ Betroffenen. Lassen Sie mich Ihnen sagen, was mich stört, was mich belastet, was man verbessern kann.
    • Erstmal vielen Dank für Euren Einsatz und Eure Mühen! Ganz toll!

      Sehr enttäuschend fand ich an Ende die Feststellung die "Rechtssicherheit" sei hergestellt.


      Das ist eine bodenlose Frechheit. Das jetzt geltende Recht liefert keinerlei Sicherheit für die zur Verstümmelung vorgesehenen Kinder (bzw. nur, wenn sie weiblich sind).
      Es liefert sie, falls sie männlich sind aus irrationalen Gründen einer verstümmelnden Operation aus, die neben dem endgültigen Verlust eines wichtigen Teils ihrer Genitalien sie auch noch dem Risiko von schweren Komplikationen aussetzt.
      Ihr Recht auf körperliche Vollständigkeit - es wird mit Füßen getreten. Das ist die einzige "Rechtssicherheit" dabei.
      Zwischentöne sind Krampf
      im Anti-Verstümmelungskampf
    • Maria Werner schrieb:

      Sag mal werner, diese Geschichte mit dem Rabbi, der Vorhäute aufbewahrt, war da nicht was dran? Gab's das mal oder ist das ein Gerücht?


      Da war definitiv was dran!

      Auszug:
      Mr. Cohn, 83 said: "“If you follow strictly the ritual, there will be no harm to the baby,” he said. A circumcision, he added, “is a joyous occasion — nothing traumatic about it.”

      und weiter nach dieser erstaunlichen Einordnung:
      Mr. Cohn, a Holocaust survivor and retired real estate developer who lives on Staten Island, has written a textbook on circumcision. He said he had trained some 80 mohels over the years. After each circumcision, he places the thimble-size foreskin in a small jar of sand and ground cloves that he carries.
      He wants one day to be buried with the jars at the Mount of Olives in Israel, where Jewish tradition says the Messiah will arrive.


      Es ist also offensichtlich, dass dieser erfahrene Ausbilder, Beschneider und Sammler von Vorhäuten bei der Beschneidung ein bedeutsames Stück Vorhaut physisch entfernt (und dies als fröhliches Ereignis darstellt). Dies sollte auch Edna Brocke bekannt sein. Aus psychoanalytischer Sicht könnte der Plan mit all diesen Vorhäuten begraben werden zu wollen einem latenten Wunsch nach restitutiver eigener Vervollständigung des Verlorenen entsprechen.


      Hier die entsprechende Pressemeldung der New York Times:

      nytimes.com/2012/09/13/nyregio…anted=1&_r=1&ref=nyregion

      Denouncing City’s Move to Regulate Circumcision
      By SHARON OTTERMAN
      Published: September 12, 2012
      • Die Vorhaut kann mit einer Rosenknospe verglichen werden. Wie eine Rosenknospe wird sie erst blühen, wenn die Zeit gekommen ist. Niemand öffnet eine Rosenknospe, um sie zum Blühen zu bringen (Dr. med. H. L. Tan).
      • Alle Wahrheit verläuft in drei Stadien: Im ersten wird sie verlacht. Im zweiten wird sie vehement bekämpft. Im dritten wird sie als selbstverständlich anerkannt (Arthur Schopenhauer).
      • Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt (Thomas Mann)
    • TobiasSP schrieb:

      Ich glaube, dass er sich sogar mit dem Ding beerdigen lassen wollte!
      Genau, und zwar in Jerusalem.
      • Die Vorhaut kann mit einer Rosenknospe verglichen werden. Wie eine Rosenknospe wird sie erst blühen, wenn die Zeit gekommen ist. Niemand öffnet eine Rosenknospe, um sie zum Blühen zu bringen (Dr. med. H. L. Tan).
      • Alle Wahrheit verläuft in drei Stadien: Im ersten wird sie verlacht. Im zweiten wird sie vehement bekämpft. Im dritten wird sie als selbstverständlich anerkannt (Arthur Schopenhauer).
      • Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt (Thomas Mann)
    • Guy schrieb:

      He wants one day to be buried with the jars at the Mount of Olives in Israel, where Jewish tradition says the Messiah will arrive.
      Er komplettiert sich selbst wieder und erfüllt zumindest ein Stück (Vorhaut) weit die Verheißung, die übrigens auch von Evangelikalen geteilt wird, dass wenn alle Juden in Israel sind, der Messias wieder erscheinen wird.
      Damit bringt dieser Rabbi wenigstens ein Stück jener Beschnittenen heim ins Gelobte Land.
      Das hat was von Trophäen, die im Namen der Religion gesammelt werden, für den jüngsten Tag.

      Das wäre man eine Deutung wert, durch einen Psychiater.